Heide Simonis liest in Hildesheim: Grimms Märchen werden umgekrempelt

Merkel als „Frau Holle“

Kurze Interviews machen Heide Simonis (links) Gedanken zum Buch deutlich. Diana Schild, Redakteurin des Lutherischen Verlagshauses, stellt gewitzte Fragen und begleitet die Lesereise. Fotos: Kolbe-Bode

Hildesheim Der Leseabend in der Citykirche begann mit einer überraschenden Premiere. Heide Simonis stimmte vor Beginn der Lesung für ihre bereits wartenden Gäste Lieder an. Mit „Abendstille überall“, im Kanon mit ihrem Publikum gesungen, endete das spontane Konzert.

Seit Anfang November befindet sich die ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein auf einer Lesereise, um ihr erstes Werk als Buchautorin „Alles Märchen! – Insider packen aus“ vorzustellen. In dem Buch krempelt die Landespolitikerin die traditionellen Hausmärchen der Gebrüder Grimm gehörig um, bleibt aber dennoch recht nahe an den einstigen Handlungen. Eine modern gewählte Sprache unterstreicht dabei die Andersartigkeit der neuen Lektüre und könnte damit auch die jüngere Generation als Zielgruppe für traditionelle Märchen begeistern. Das Besondere und Amüsante ist, dass nicht außenstehende Erzähler die Geschichten wiedergeben, sondern, wie der Buchtitel sagt, die Insider – also die echten Beteiligten und Akteure der Märchen. Aus Schneewittchens Leben plaudert eine Gouvernante, die in der Originalversion des Märchens wahrlich nichts zu berichten hätte. Die Stiefmutter kommt, wie bei den Gebrüdern Grimm auch, bei der Bediensteten gar nicht gut weg. Sie wird als „so besoffen wie ein Leichtmatrose auf Landgang“ geschildert. Denn, jedes Mal, wenn der Spiegel die Schönheit der Königin bestätigt, gönnt sie sich ein prickendes Gläschen Sekt. Das Stiefmütterliche Outfit wird vom empörten Hofpersonal, als reif für eine Casting-Show, beurteilt.

Insgesamt hat Heide Simonis 18 Märchen aufs Korn genommen und moderne Elemente eingebaut. So wartet Dornröschens Hofstaat auf die Auszahlung einer Lebensversicherung und die Bremer Stadtmusikanten kommen zu dem Fazit, dass sie Veranstaltungen, bei denen Frauen ausgeschlossen sind, niemals mehr besuchen wollen.

Illustriert werden die Märchen mit äußerst amüsanten Cartoons, in denen die Leser viel Modernes finden. Die Bilder stammen aus der Feder des Grafikdesigners Steffen Butz und laden zum Schmunzeln und Verweilen ein. Auf der Reise wird Heide Simonis von Diana Schild, Redakteurin des Lutherischen Verlagshauses, begleitet. In kurzen Interviews erfahren die Gäste, wie es zu dem Buch kam, wie Simonis die klassische Rollenverteilung der Geschlechter sieht und ob es aus ihrer Sicht einen Zusammenhang zwischen Politik und Märchen gibt. Im lockeren Dialog der beiden Frauen kam heraus, dass die Bundeskanzlerin eine große Ähnlichkeit mit „Frau Holle verbindet“ oder die Politik durch ihre vielen Wendungen bei aktuellen Geschehnissen durchaus Parallelen zu Märchen bietet. Die Zuhörer genossen einen kurzweiligen Abend und belohnten die „frisch gebackene Märchenerzählerin“ mit gebührendem Applaus. ckb

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