Jochen Grön folgt Werner Hinz als Vorsitzender des Trägerkreises Beratungsstelle für Arbeitslose

„Manche klammern sich mühsam fest“

Pastor Werner Hinz (rechts) gibt den Vorsitz des Trägerkreises Beratungsstelle für Arbeitslose an Pastor Jochen Grön ab.

KREIS Erst die Arbeit verloren, dann die Wohnung: „Da bricht man selbst dann auch innerlich zusammen. Wenn ich zum Sozialamt gegangen bin, bin ich mir vorgekommen wie eine Nummer“, sagt Andreas. „Mein Sohn hat schon Wünsche. Da sage ich dann, das können wir uns nicht leisten“, erzählt Claudia, die als Hauswirtschafterin für sich und ihre zwei Kinder nicht genug verdienen kann. Frauke, seit einer Erkrankung arbeitslos, spricht von ihrer Angst vor der Behörde.

Die drei berichten von ihren Erfahrungen in Video-Interviews für die Aktion „Alle an Bord?“ des Diakonischen Werks Hamburg. Aber solche Aussagen passen auch in Hildesheim, weiß Pastor Werner Hinz: „Man könnte das endlos fortsetzen.“ Zwölf Jahre lang war Pastor Hinz Vorsitzender des Trägerkreises Beratungsstelle für Arbeitslose (TBA). Jetzt, da seine Pensionierung naht, hat er den Vorsitz an Pastor Jochen Grön abgegeben. Die Amtsübergabe erfolgte während eines Gottesdienstes in der Martin-Luther-Kirchengemeinde, wo Pastor Grön tätig ist. Die ökumenische TBA bietet seit 1984 unabhängige, fachkundige Beratung für Arbeitslose an. Und das sei nach wie vor sehr nötig, sagt Pastor Hinz. So kämen die Ratsuchenden oft mit Bescheiden, die sich als falsch herausstellten, und immer seien es Fehler zu Lasten der Anspruchsberechtigten, nie zu ihren Gunsten.

Als „Service-Wüste“, gar als „Monster“, als zweiköpfiges Krokodil bezeichnete er das Job-Center, das den Menschen die Würde nehme, durchaus auf beiden Seiten des Schreibtisches. Denn auch die Mitarbeitenden im Job-Center würden verheizt, so Hinz: Wer wolle schon Menschen wie wirtschaftlichen Abfall behandeln? Zwar sei seit 2004 die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland offiziell von 4,3 Millionen auf 2,8 Millionen gesunken, doch viele der Beschäftigten befänden sich in Praktika, Probezeiten, befristeten Verträgen: „Der Druck wird nach unten weiter gegeben.“ „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“, dieses Bibelzitat bereite ihm Probleme, sagte Pastor Jochen Grön in seiner Predigt. Dort gehe es um religiös begründetes Faulenzertum, um Leute, die die Gastfreundschaft Anderer ausnutzten. Doch man müsse immer genau hinsehen, nach Ursachen fragen: „Nein, wir haben nicht alle an Bord. Manche klammern sich mühsam an der Reling fest.“ Der Trägerkreis Beratungsstelle für Arbeitslose wurde von evangelischen und katholischen Christen zuerst als Arbeitslosentreff gegründet. Heute ist die Beratungsstelle in einem Dachzimmer beim Asyl e.V. in der Lessingstraße 1 beheimatet. Zu den Mitgliedern des Trägerkreises gehören Bürger, Gemeinden des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Hildesheim-Sarstedt, der katholische Arbeiterbund und der Hildesheimer Kreisverband des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Superintendent Helmut Aßmann dankte Hinz dafür, dass er sich unermüdlich für die Beratungsstelle eingesetzt habe, „trotz finanzieller Widrigkeiten und manchmal lauer Unterstützung durch die Gemeinden.“ Weder Caritas noch Diakonie hätten ein vergleichbares Angebot, „der TBA füllt eine Lücke“, sagte Aßmann. „Es ist ein hartes Brot“, sagte Gerjet Harms, zweiter Vorsitzender des TBA. Die Beratungsstelle biete „Unterstützung, die man nicht ins Portemonnaie steckt, sondern die die Seele und das Herz braucht“, meinte Bürgermeister Ekkehard Palandt. Er bot Pastor Grön an, die Tätigkeit der Beratungsstelle im Sozialausschuss vorzustellen. Die stellvertretende Landrätin Margret Köster dankte für die unabhängige Beratung ohne Hemmschwellen, die der TBA anbiete.

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