Hildesheimer erinnern an „Fukushima“ – und weisen auf Grohnde hin

Leiden nach drei Jahren

Bei der Mahnwache anlässlich der Katastrophe in Fukushima vor drei Jahren informieren Einzelpersonen, die auch schon die Demonstrationen 2011 und 2012 organisiert hatten, sowie Greenpeace Hildesheim, BUND und Bündnis 90/Die Grünen Hildesheim über die Folgen des Unglücks und über den Stand der Energiewende. Foto: Rischmüller

HILDESHEIM Am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit begann das Erdbeben, löste mächtige Tsunamiwellen aus, und bereits knapp eine Stunde später trafen 13 bis 15 Meter hohe Wellen auf die gerade einmal 5,70 Meter hohe Schutzmauer des Atomkraftwerkes Fukushima Daiichi. Was Bundeskanzlerin Angela Merkel nur kurze Zeit später verkündete und der Bundestag beschloss, glich einem politischen Erdbeben: Den Umstieg auf erneuerbare Energien sowie die Abschaltung der deutschen Kernkraftwerke bis zum Jahr 2022.

Drei Jahre später mahnen rund 100 Demonstranten und die Organisatoren schweigend, erinnern an die Atomkatastrophe vor genau drei Jahren. Vielen Passanten kommt es vor, als sei das Unglück viel länger her. Fukushima liegt mittlerweile nicht nur geografisch gesehen weit weg von Deutschland. Dies konstatiert auch Andreas Neumann vom Aktionsbündnis Hildesheimer Atomausstieg. Sei vor drei Jahren auch von der damaligen Opposition unter Sigmar Gabriel die Abkehr von der Atomkraft begrüßt worden, stelle sich die Situation heute gänzlich anders dar. So torpediere die Bundesregierung den Ausbau von Windenergieanlagen, für 2014 geplante Investitionen von über einer Milliarde Euro seien plötzlich unsichere Spekulationsobjekte. Neumann fordert die Politik auf, sich für die Energiewende deutlich engagierter als bisher einzusetzen und ihre Versprechen diesbezüglich zu halten.

Fukushima sehen die Organisatoren der Mahnwache indes längst nicht als abgeschlossenes Kapitel. Fotos von toten Fischen, verstrahltem Land und instabilen Meilern flimmern während der Veranstaltung über eine Leinwand. Passanten zeigen sich schockiert darüber, und auch der 18-jährige Evren Karci aus Hildesheim ist entsetzt über diese Informationen und die Untätigkeit der Verantwortlichen. „Tschernobyl und Fukushima reichen doch, um zu sehen, wie viel Leid dies den Menschen und der Umwelt bringt“, fasst er zusammen. Auch Anja Frakstein von Greenpeace Hildesheim fordert ein Umdenken. So sei der einfachste Weg, ein Zeichen zu setzen, das Umsteigen auf Ökostrom. Doch auch auf eine ganzheitliche Betrachtung müsse man sich stärker fokussieren. Claus Beckmann vom Hildesheimer Atomausstieg ergänzt, dass jetzt etwas passieren müsse. Rechtsverfahren, deren Abschluss fünf bis zehn Jahre benötige, führten nur zur Vertagung von Entscheidungen, die heute zu treffen seien.

„Zentralzone“

Dann beschreibt Neumann eindrucksvoll, wie die Situation im Ernstfall einer Katastrophe im AKW Grohnde aussehen würde. So fordere Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) mehr Sicherheit auch in deutschen Atomkraftwerken. Hierzu soll die „Zentralzone“ um das Kraftwerk, innerhalb welcher Anwohner binnen sechs Stunden evakuiert werden, von bisher zwei auf nun fünf Kilometer ausgeweitet werden. Dass Radioaktivität im Katastrophenfall nicht an der Grenze der „Zentralzone“ Halt macht, zeigte eine Aktion im November vergangenen Jahres. So habe man in Grohnde, welches rund 40 Kilometer entfernt von Hildesheim liegt, die Ausdehnung einer radioaktiven Wolke simuliert. Hierzu starteten am AKW 499 mit Helium gefüllte Ballons. Bereits nach 20 Stunden wurde in Menden im Sauerland einer dieser Ballons gesichtet. Selbst im Falle einer geplanten Ausweitung der sogenannten Mittelzone von nunmehr zehn auf dann zwanzig Kilometer zeigt der Mendener Ballon, dass eine radioaktive Wolke in nur 20 Stunden bereits imstande ist, 125 Kilometer entfernt für entsprechende Folgen zu sorgen. Die Hildesheimer planen weitere Aktionen gegen das Vergessen und zur Rettung der Energiewende: Am 22. März findet eine Demonstration auf dem Opernplatz in Hannover statt. Für Sonnabend, 26. April, gibt es Überlegungen, in der Hildesheimer Fußgängerzone verschiedene Veranstaltungen zu initiieren. ar

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