70 Jahre Lehrerausbildung im Landkreis Hildesheim / Universitätspräsident auf Spurensuche

„Ich gab mir furchtbar viel Mühe“

Herbert Nitsche hat von 1966 bis 1969 in Alfeld studiert und gehört zu den letzten Prüflingen in Alfeld. Als er seine Prüfung hatte, wurden schon die Kisten gepackt, die Hochschule zog nach Hildesheim um. Herbert Nitsche hat noch Material aus seiner Studienzeit, etwa sein Studienheft, aus dem hervorgeht, welche Lehrveranstaltungen er bei welchen Lehrenden besucht hat.

hildesheim / ALFELD Die Universität Hildesheim erinnert in diesen Tagen an die Aufnahme des Studienbetriebs vor 70 Jahren, damals noch in Alfeld. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann im Januar 1946 der Studienbetrieb an der Pädagogischen Hochschule Alfeld; im 20 Kilometer entfernten zerstörten Hildesheim waren keine geeigneten Gebäude vorhanden. Nach nur einem Jahr schlossen 1947 die ersten 51 Absolventen das Lehrerstudium ab. In den ersten zehn Jahren, bis 1955, absolvierten 510 Personen mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren ihr Studium.

Frühe Schulpraxis ist seit Gründung der Hochschule bis heute Teil der Lehrerausbildung. 1970 wurde dann der Semesterbetrieb in Hildesheim aufgenommen. Damals waren es zwei Semester, mittlerweile dauert die Lehrerausbildung zehn Semester (fünf Jahre). In Hildesheim werden heute mit etwa 2600 Studierenden rund ein Drittel der niedersächsischen Grund-, Haupt- und Realschullehrer ausgebildet. Jetzt kamen 300 Ehemalige in Hildesheim zusammen, darunter Lehrer aus ganz Niedersachsen, die seit den 1950er Jahren bis heute ihr Studium abgeschlossen haben. Universitätspräsident Prof. Wolfgang-Uwe Friedrich rief bei einem Festaktan der Universität Hildesheim dazu auf: „Sollten Sie Zeitungsartikel oder Privatkorrespondenzen haben, die für die Universitätsgeschichte wichtig sind, senden Sie uns diese zu, damit wir die Wissenslücken schließen können.“ Am Sonntag suchten die ehemaligen Studenten nach Spuren ihrer Studienzeit in Alfeld. Zu den ersten Studentinnen gehören Ursula Plewnia, Christa Mezzetti und Maria Behnke, die sich jetzt in Hildesheim wiedergesehen haben. Mit 20 Jahren schließt Maria Behnke 1953 in Alfeld ihre Prüfung ab und startet in Hannover in ihren ersten Schultag als Lehrerin. „Zwei Klassen mit je 50 Kindern. Das war damals so. Damit musste ich rechnen. Ich habe zufällig noch eine Gehaltsabrechnung gefunden: Damals wurde gerade das Gehalt für Lehrerinnen erhöht: von 200 auf 360 DM pro Monat“, erinnert sich Behnke.

Auch Ursula Plewnia schließt 1953 ihr Studium nach zwei Jahren ab und beginnt als Lehrerin an einer Schule in Peine. „Ich wollte nach einem Jahr eigentlich alles hinschmeißen. Meine Kollegin wollte eine schwierige 5. Klasse nicht übernehmen. Ich gab mir furchtbar viel Mühe, aber die Kinder schrieben trotzdem noch Fünfen. Ich wollte aufhören, war enttäuscht. Mein Schulleiter sagte: Bleiben Sie noch ein Jahr, Sie bekommen jetzt ein erstes Schuljahr. Ich habe auch junge Lehrer ausgebildet und in der Bezirksregierung in Hannover gearbeitet. Bis zu meinem Lebensende bleibe ich Lehrerin.“ 40 Jahre hat die heute 84-Jährige im Bildungswesen gearbeitet. Ihr Rat an heutige Lehramtsstudenten: „Augen auf, praktisch arbeiten. Gucken Sie, was machbar ist. Die Ausbildung ist eine wichtige Grundlage.“

Christa Mezzetti, 1928 geboren, schließt ihr Lehramtsstudium 1952 ab. „Ich habe in einem 6. Schuljahr angefangen. Die Ausbildung war richtungsgebend, auch für heutige Zeiten. Erziehung ist grundlegend, es geht um Grundwerte, die man erlernt. Es sind die äußeren Umstände, die sich in den vergangenen 70 Jahren verändert haben“, so Mezzetti. „Kinder können manchmal sehr ehrlich sein. Sie dürfen keine Angst haben vor Jugendlichen“, wendet sie sich an junge Menschen, die Lehrerin oder Lehrer werden möchten: „Ob man für den Lehrerberuf geeignet ist, das kann man nur erfahren, wenn man wirklich vor einer Klasse steht. Im Referendariat fallen junge Leute auf einmal in die Realität und erschrecken sich davor.“ Dass in Hildesheim Schulpraxis ab dem ersten Semester auf dem Studienprogramm stehe, sei wichtig: „Dafür benötigt man Zeit, in jeder Stunde kann man wertvolle Erfahrungen sammeln und Unterricht aufmerksam beobachten. Ein Studium sollte Raum geben, die eigene Entwicklung pädagogischen Handelns kritisch zu analysieren.“

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