Justitia-Frauen-Forum beschäftigt sich mit der Frage nach Gleichberechtigung

Geht es voran oder nicht?

Großes Interesse an der Gleichberechtigung der Frau: Der Einladung des Justitia-Frauen-Forums folgen etwa 140 Besucherinnen und Besucher in den Saal des Schwurgerichts. Fotos: Kolbe-Bode

HILDESHEIM Vor hundert Jahren gab es die Frage um die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in Deutschland noch nicht. Erst mit der Weimarer Reform erhielten Frauen überhaupt erst das Wahlrecht. Seitdem befasst sich die Gesetzgebung damit, die Gleichberechtigung von Frauen in Gesetzen und damit auch in der Gesellschaft, zu verankern. Seit 1994 greift die faktische Umsetzung, also eine tatsächliche Gleichstellung der Frauen in der Gesellschaft, per Gesetz.

Unter der Fragestellung „Gleichberechtigung der Geschlechter – faktisch verwirklicht?“ lud das Justitia-Frauen-Forum in den Schwurgerichtssaal des Amtsgerichts ein. Vor gut 140 Gästen beantwortete Dr. Ralph Guiseppe-Ruebe, Präsident des Landgerichts Hildesheim, diese Frage mit „eher Nein“. Er bezog sich dabei auf eine OECD-Umfrage, bei der Deutschland mit dem bisher erreichten Status an tatsächlicher Gleichstellung, im hinteren Bereich angesiedelt ist. Bei Betrachtung des Lohn- und Rentengefälles, der Anzahl von Frauen in Vollzeitjobs oder Führungspositionen, aber auch der Anzahl von Männern die einen vollwertigen Beitrag zur Haushaltsführung und Kindererziehung leisten, ist noch einiges an Verbesserungen nötig.

Mit der guten Botschaft „Es geht voran“ begann die niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz ihren Vortrag. Sie erinnerte daran, dass die „Männlichkeit des Staates“ im dritten Reich dominierte. Die bis heute erreichten, positiven Veränderungen kommentierte sie mit: „Das bedurfte schon viel Frauenpower.“ Jetzt gehe es darum, die Gesetzeslage auszuschöpfen und eine tatsächliche Gleichstellung der Lebenssituationen zu schaffen. Eine große Bedeutung zollte die ehemalige Richterin dem Vertrauen auf eine unvoreingenommene, gerechte Urteilskraft der Gerichte, das viele Frauen noch gewinnen müssen. Sie bemerkte, dass bei allen Vorstellungen der Gleichberechtigung nicht vergessen werden darf, dass die Entscheidung über Beruf, Familie oder Beidem, von den Frauen selbst getroffen werden muss. Genau wie bei Männern auch, möchte nicht jede Frau in die Führungsetage ziehen.

Bei einer anschließenden Diskussionsrunde überzeugte die ehemalige Justizsenatorin Dr. Lore-Maria Peschel-Gutzeit mit ihrer gezielten Antwort auf die Thematik der Veranstaltung. Die 81-Jährige verwies auf die erfolgreiche Situation in Norwegen, wo gemeinsame Entscheidungen von gemischten Teams eine 33-prozentige Verbesserung der Geschäftsergebnisse erzielt haben. Sie setzt darauf, dass sich die Gestaltung einer familienfreundlichen Arbeitswelt verbessert, wenn verstärkt Erfahrungen von Frauen mit einfließen. Kindererziehung müsse als Gesellschaftswerk angesehen werden und Frauen brauchen ein verstärktes Maß an Ermutigung, um in die Arbeitswelt einzutauchen. Interessante, wissenschaftliche Aspekte lieferte Prof. Dr. Anna Müller vom Gender und Diversitymanagement der HAWK: „Frauen sind die Gewinnerinnen der Zukunft, doch wenn es darum geht, ihr Wissen in bare Münze umzuwandeln, sind sie im Nachteil.“ Daher müsse von festgefahrenen Geschlechterkonzepten abgewichen werden. Dazu gehöre auch, dass Männer die nötige Rückendeckung aus der Gesellschaft und Arbeitswelt erhalten. ckb

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare