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„Der Zweifel gehört zum Glauben“

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Dr. Beatrice von Weizsäcker spricht während ihres Vortrags zum Thema „Braucht Politik Vertrauen?“ zahlreiche Fragen an. Fotos: Hüsing
Dr. Beatrice von Weizsäcker spricht während ihres Vortrags zum Thema „Braucht Politik Vertrauen?“ zahlreiche Fragen an. Fotos: Hüsing

HILDESHEIM Einmal im Jahr kommen in der St. Michaelis-Kirche Lektoren, Kirchenvorstands- und Kirchenkreistagsmitglieder sowie ehrenamtlich Tätige und Ehrengäste zusammen: Die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers bat zum Jahresempfang im Sprengel Hildesheim-Göttingen. In ihrem Vortrag sprach der Ehrengast Dr. Beatrice von Weizsäcker zum Thema „Braucht Politik Vertrauen?“.

Der Jahresempfang stand unter dem Bibelvers „Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat“: Immer wieder kam die Rednerin auf die Worte des Briefs an die Hebräer (10,35) zurück. Doch zunächst war es gar nicht so einfach, ein gemeinsames Thema zu finden, wie Landessuperintendent Eckhard Gorka berichtete: „Wir haben gemailt und telefoniert – und am Ende hat Beatrice von Weizsäcker meinen Vorschlag abgelehnt“, erzählte er selbstkritisch und brachte die zahlreichen Gäste in der St. Michaelis-Kirche zum Schmunzeln. Auf die Referentin ist er aufgrund ihres neuen Buches „Ist da jemand? Gott und meine Zweifel“ aufmerksam geworden. „Ich bin der Meinung, dass Menschen, die politisch tätig sind, den Glauben brauchen, da viele Entscheidungen jenseits ihrer eigenen Kräfte liegen“, so Gorka. Die Frage „Braucht Politik Glauben?“ hätte die Referentin jedoch mit einem klaren „Nein“ von sich gewiesen, wie sie erzählte, sodass ihr Vortrag sehr kurz ausgefallen wäre. Die Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ist Juristin, Publizistin – und Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Schon ihr Leben lang stellte sie sich selbst viele Fragen rund um Gott und ihren Glauben. „Der Zweifel gehört für mich zum Glauben dazu“, verdeutlichte sie in ihrem kurzweiligen Vortrag. Zehn Fragen hat sie sich gestellt und ihnen widmete sie sich während des Empfangs: „Politik braucht keinen Glauben, Politik braucht ein Gewissen, eine Grundhaltung und Vertrauen.“ So spiele der Vertrauensbegriff für politisch Handelnde, wozu sie auch die Medien zählt, eine große Rolle und differenziere sich in äußeres und inneres Vertrauen: „Misstrauen ist Gift für die Demokratie“. So sei es wichtig, dass Politiker Vertrauen in sich selbst hätten, um ein gesundes Verantwortungsgefühl entwickeln zu können. Für Beatrice von Weizsäcker ist der Mensch für seine Entscheidungen verantwortlich – und nicht der Glaube oder Gott. „Der Gottesbegriff in der Präambel des Grundgesetzes ist als Verfassungsgewissen zu verstehen und soll uns Menschen an die Ehrfurcht vor der Schöpfung erinnern“, führte von Weizsäcker aus.

Diskussionsstoff

Ihre Thesen und Ausführungen boten im Anschluss an den Vortrag viel Diskussionsstoff für die Gäste des Empfangs, die bei Wein und Gebäck in kleinen Gruppen zusammenstanden und sich freuten, Bekannte zu begrüßen, die sie lange nicht gesehen hatten. Derweil signierte Beatrice von Weizsäcker fleißig ihr Buch, das die Geladenen erwerben konnten.

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