Bestsellerautor Dr. Peter Schmidt zu Gast in der Kooperativen Gesamtschule

„Kinder mit Autismus gehören in die Schule“

„Ich bin wie eine Vulkaninsel“: Bestsellerautor Dr. Peter Schmidt referiert vor rund 60 Zuhörern. Als erster Asperger Autist hat sich der promovierte Geophysiker mit dem Faible für Straßen und Autobahnen einer breiten Öffentlichkeit geoutet. Fotos: Fritzsche

GRONAU „Ich bin wie eine Vulkaninsel“, beschreibt sich Peter Schmidt. Vor sechs Jahren hat der damals 41-Jährige eher zufällig den Namen für die Wassermassen, die ihn von seiner Umwelt wie eine Mauer trennen, erfahren: Asperger Autismus. Als erster Asperger Autist hat sich der promovierte Geophysiker mit dem Faible für Straßen und Autobahnen einer breiten Öffentlichkeit geoutet.

Über sein Leben mit einer Krankheit, die sich von Kindesbeinen an etwa in Schwierigkeiten, die Mimik eines Gegenübers zu deuten oder sich in seine Umwelt hineinzuversetzen sowie in stereotypen, Halt und Sicherheit gebenden Aktivitäten, in Außenseitertum und Hochbegabung ausgedrückt haben, hat der Bestsellerautorjetzt vor rund 60 Zuhörern in der KGS Gronau berichtet. Vor dem Hintergrund der Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Handicap in den Schulalltag erzählte Schmidt mit einer gelungenen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor von der Erfahrung seiner Andersartigkeit. Im Ausland sei er „Alien per Pass. Deshalb verzeiht man mir überall auf der Welt Fehltritte, nur nicht in Deutschland“.

Während sich sein erstes Buch „Ein Kaktus zum Valentinstag“ den Herausforderungen in Liebe, Partnerschaft und Familienleben widmet, schildert sein zweites Buch „Der Junge vom Saturn“ Kindheit und Jugend. Im Kindergarten, wo ihn die vorbeifahrenden Autos und ihre Nummernschilder weit mehr als die anderen Kinder interessiert haben, habe ihm der beste Freund Uwe Zugang zu seiner Umwelt ermöglicht. „Ohne Uwe“, so die Erfahrung des Kindes, „bin ich allein in der Gruppe“. Für die anhaltende und sich beispielsweise auf einer späteren Reise mit einer Konfirmandengruppe wiederholende Erfahrung, nicht wie alle anderen dazuzugehören, findet Schmidt das schöne, treffende Wort „gruppenallein“.

Halt geben dem hochbegabten Jungen, der auf dem Schulhof durch bizarre Autofahrbewegungen auffällt, feste Rituale. Ein kleines Matchbox-Auto ist solange unter dem Pult dabei, bis der Lehrer allen Kindern das Spielzeug verbietet. Weil Peter Schmidt im Gegensatz zu den anderen mit seinem Auto den Unterricht nicht gestört hat, empfindet der Junge das Verbot als eine Ungerechtigkeit: „Das Vertrauen in die Institution Schule war damit weg“, plädierte er für mehr Verständnis gegenüber abweichendem, nicht störendem Verhalten. Überdies bat Schmidt, die heute im Gegensatz zu seiner eigenen Schulzeit verbreitete „Vollkaskomentalität nicht auf die Spitze zu treiben“. Weil Menschen mit Asperger-Syndrom Ironie nicht verstehen und dazu tendieren, bildliche Redewendungen wie „das nächste Mal musst du dich da durchbeißen“ als wörtlich gemeinte Aufforderungen zu verstehen, können Missverständnisse, wie er anschaulich beschrieb, schnell zu Konflikten führen. Klassenübliche Scherze könnten als Angriff erlebt werden. Dem eigenen Erleben von Peter Schmidt zufolge gibt es für derartige Konflikte nur eine Lösung, Deeskalation. Wichtig sei die Frage nach dem Warum. „Zu strafen“, unterstreicht er, „macht’s nur schlimmer“. Und Schmidt betonte mit Nachdruck: „Kinder mit Autismus gehören in die Schule.“ oel

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