Renommierter Schiedsrichter bringt den Blindenfußball an die KGS / Sozialer Aspekt steht im Vordergrund

Kicken wie Klose – nur ohne Augenlicht

Schulleiter Christian Schwarze legt selbst mit Hand an: Im Werkunterricht gebaute Kopfschutzpolster dafür, dass die KGS-Schülern von Verletzungen verschont bleiben.

GRONAU „Ich möchte euch einladen zu einem Perspektivwechsel“, stellt sich Niels Haupt den Sechst- und Achtklässlern der KGS Gronau vor. Und tatsächlich: Die folgenden Stunden lernen die Schüler, ihre Umgebung auf eine andere Art und Weise wahrzunehmen: Die Schüler werden erfahren, wie es ist, mit den Ohren zu sehen.

Sie werden erfahren, wie wichtig und leistungsfähig die anderen Sinne sind, wenn das Augenlicht erlischt. Und mehr noch: Sie tauchen nicht nur für einen Moment ein in die Welt der Blindheit. Sie lernen obendrein auch noch, als Nichtsehende Sport zu treiben und Fußball zu spielen.

Der Gast, Niels Haupt, der ihnen dies vermitteln möchte, bringt dafür neben speziellen Fußbällen, die im Inneren mit Rasseln versehen und auf diese Weise hörbar sind, vor allem eines mit: die Erfahrung als langjähriger Schiedsrichter im Blindenfußball.

Der 42-Jährige aus Benthe bei Hannover leitet seit 2008 Spiele der Blindenfußball-Bundesliga und pfiff zudem internationale Begegnungen bei Europa- und Weltmeisterschaften. Ein Höhepunkt seiner Karriere als Spielleiter war zudem der Einsatz bei den Paralympics in London 2012.

Doch Niels Haupt geht es an der KGS nicht in erster Linie darum, den Schülern eine Lektion in Sachen Regelkunde des Blindenfußballs zu erteilen. Vielmehr stellt der Schiedsrichter seine soziale Botschaft in den Mittelpunkt. Durch Ausprobieren der paralympischen Sportart Blindenfußball ist es den Jugendlichen möglich, Erfahrungen im Umgang mit dem Thema Behinderung zu sammeln. „Menschen mit Behinderungen gehören in die Mitte unserer Gesellschaft“, betont Niels Haupt und wirbt für mehr gegenseitiges Verständnis und Toleranz. So führt der Schiedsrichter die Jugendlichen zunächst behutsam in einer Reihe unterschiedlicher Übungen an die Welt der Dunkelheit heran. Dafür sorgen zunächst einmal ganz praktisch Sichtbrillen und – damit im Eifer des Spielgeschehens nichts passiert -– Kopfschutzpolster, die im Rahmen des Werk- und Textilunterrichts angefertigt worden waren. Mindestens ebenso wichtig aber ist Niels Haupt, an den Gemeinschaftssinn und die Verantwortung der Jugendlichen zu appelieren. „Blindsein im Sport bedeutet auch, Verantwortung abzugeben und zu vertrauen.“

Denn das Spiel blinder Spieler funktioniert durch Orientierungssinn und vor allem gutes Gehör. Die sehenden Torhüter, Trainer und ein hinter jedem Tor postierter Guide erleichtern mit Zurufen die Orientierung. „Ein zentrales Wort beim Blindenfußball lautet ,Voy!’“, erläutert Niels Haupt. Der spanische Begriff heißt so viel wie „Ich komme“. Jeder Spieler, der sich dem Ballführenden nähert, muss dieses Wort immer wieder rufen. „Sehen wird durch Hören ersetzt“, betont Niels Haupt daher immer wieder. Und dann rollt der rasselnde Ball auch in Gronau. Naturgemäß läuft das Spiel nicht so flüssig, wie bei geübten Blindenfußballern. Aber das ist völlig nebensächlich. „Toll, dass ihr dieses Projekt macht“, freut sich Niels Haupt über das Interesse der Schüler.

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