TfN mit den „Buddenbrooks“ in Gronau auf Fischfang / Freundlicher Applaus

Inszenierter Niedergang

Im 60. Todesjahr von Thomas Mann gastiert das TfN mit der von John von Düffel aufs Äußerste komprimierten Bühnenfassung der „Buddenbrooks“. Fotos: Oelkers

Gronau Mit „Buddenbrooks“ ist das TfN im 60. Todesjahr Thomas Manns auf Fischzug gegangen. Ein großer Fang ist es nicht geworden, was weniger Bettina Rehms solider und dankenswerter Weise meilenweit von opulentem Kostümtheater entfernten Inszenierung geschuldet ist als der aufs Äußerste komprimierten Bühnenfassung von John von Düffel aus dem Jahr 2005.

Von Düffel, damals Dramaturg am Hamburger Thalia Theater, hat mächtig aufgeräumt in der Lübecker Kaufmannssippe. So ist aus dem auf mehr als 1 000 doppelseitig mit der Hand beschriebenen Manuskriptblättern und immerhin noch fast 800 Druckseiten vom Verfall der Firma und Familie Buddenbrook erzählenden Roman ein Theaterstück unter drei Stunden Spielzeit geworden. Verschont vom Rotstift des Dramaturgen und Autors wurde lediglich die Geschichte der drei Geschwister Thomas, Christian und Tony Buddenbrook, von denen jeder auf seine Weise unter dem leidet, was er der „Familie und der Firma schuldig“ ist – ein gutes Geschäft. Auf Kosten der fesselnden Vielschichtigkeit konzentrieren sich von Düffels „Buddenbrooks“ auf die erdrückenden ökonomischen Verhältnisse, die zwangsläufig auf Niedergang zusteuern.

Symbolträchtig nimmt der Getreideberg im Zentrum der von Swana Gutke nach einem Entwurf von Grit Dora von Zeschau minimalistisch gestalteten Bühne im Verlauf des Stückes ab. Dem Grundakkord der Mengstraße, Disziplin, Fleiß und Pflichterfüllung, hat sich selbst das von Katharina Wilberg mit strenger Würde verkörperte Kindermädchen Ida Jungmann verschrieben, die rastlos Weizenkörner auffegt, davonträgt und als jahrzehntelange Begleiterin der Buddenbrooks für die Rolle der Erzählerin prädestiniert ist. Die distanzierte Strenge und jede Gefühlsregung unterdrückende Haltung des hanseatischen Kaufmanns Konsul Buddenbrook verkörpert André Vetters mit einer fast militärisch-steifen, kerzengeraden Körpersprache. Ein hübscher Einfall ist der streng gezogene Scheitel im nach hinten gegelten Haar. Man kennt die Frisur von den Porträtfotos Thomas Manns, die um die Jahrhundertwende entstanden sind. Ganz unterkühlte Vornehmheit strahlen auch Simone Mende als frömmelnde Konsulin und Michaela Allendorf in der Rolle von Toms Ehefrau Gerda aus, deren Liebe und Leidenschaft für Musik mit nervöser Kälte einhergeht. Gleich mehrfach scheitert Toni (Julia Gebhardt) an den Ansprüchen der Eltern wie an sich selbst. Pflichtschuldig versucht diese gutartige „Gans“ zweimal eine vorteilhafte Partie zu machen, ohne sich jemals wirkliche Liebe zu gestatten.

Schnippisches „Pah“

Und so radikal reduziert diese Bühnenfassung auch ist: charakteristisches Toni-Vokabular wie das schnippisch vorgebrachte „Pah“ fehlt nicht. Leider bleibt in der gewissermaßen kühl sezierenden Inszenierung die Komik, die sich im Roman unter anderem daraus ergibt, auf der Strecke. Eine Ahnung vom komödiantischen Potential der „Buddenbrooks“ liefert Dennis Habermehl, der bravourös neben der Rolle des Morten auch den Part des aufdringlichen Bankrotteurs Bendix Grünlich und in zünftiger Lederhose sowie mit echt bajuwarischem Tonfall den Alois Permaneder gibt. Es klingt überdies an im schadenfroh-diabolischen Lachen des Bankiers Kesselmeyer (Moritz Nikolaus Koch) sowie in der Rolle des albernen Hypochonders, verbummelten Tunichtguts und Lebemanns Christian Buddenbrook (Marek Egert), dessen ganzes Sein und Wesen der tugendhafte Bruder Tom (Thomas Strecker) als Gefahr für die eigene Existenz versteht.

Wille und Härte

„Ich bin geworden, wie ich bin, weil ich nicht werden wollte wie du“, schleudert dieser pflichtbewusste Asket, der gelernt hat, sich und seiner Umwelt mit eisernem Willen und Härte entgegenzutreten, dem Bruder in einem der eindringlichsten Momente des Theaterabends entgegen. Merkwürdig anrührend gerät die Rolle des kleinen Hanno, für die Ulrike Langenbein eine von Katharina Wilberg sensibel gespielte Puppe gebaut hat. Dieser jämmerlich beim Gedichtaufsagen scheiternde Stammhalter ist so zartbesaitet und zerbrechlich, dass sein Doppelstrich unter der Familienchronik nur allzu plausibel erscheint: „Ich dachte, es kommt nichts mehr.“ So war es dann beinahe auch: freundlicher Applaus.

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