„Öffentliche Tauschbörse“ gibt es seit 18 Monaten / Die Leine-Deister-Zeitung zieht eine – rein subjektive – Bilanz

Was halten Sie vom Bücherschrank?

Wird der offene Bücherschrank von Massen genutzt? Oder finden sich nur wenige Gronauer, die heimlich einen Blick auf die Bücher vor dem Verwaltungsgebäude werfen? Foto: Mosig

GRONAU Besonders morgens im Nebel sieht man sie: Menschen, die sich ein Buch unter der Mantel stecken und schnell über den Marktplatz verschwinden. Heimlich, damit sie von ihrem fernsehguckenden und computerspielenden Bekanntenkreis nicht ausgegrenzt werden?! Wo haben sie ihre Bücher her?

Seit anderthalb Jahren steht der offene Bücherschrank am Gronauer Ratskellerplatz, der für die Bürger eine kulturelle Tauschbörse sein soll: Ausgelesene Bücher können hineingestellt werden und andere können kostenfrei entnommen werden. Die LDZ hat in den vergangenen Wochen die Geschehnisse rund um das Möbelstück beobachtet, um eine Bilanz der ersten 18 Monate zu ziehen.

Zustand?

Gut bis sehr gut. Die von Kritikern befürchteten Vandalen, die in der Leinetadt einfallen und den Schrank kurz und klein schlagen, sind fern geblieben. Die kleine Tauschbibliothek ist, wetterfester Bootslack sei Dank, intakt, die Beschreibung ist gut lesbar, alle Glasscheiben sind heil, nur hier und da ist etwas der Lack ab. Vielleicht Gebrauchsspuren? Wäre ja nicht das Schlechteste.

Frequenz?

Lange Schlangen bilden sich nicht, doch das ist auch nicht zu erwarten. Nicht einmal in Alfeld (PH-Parkplatz) oder gar in Hannover (zum Beispiel Marktkirche) führen Bücherschränke zu Gedränge oder spontanen Massenversammlungen. Doch ab und an bleiben Marktbesucher oder Wartende am Schrank stehen und schauen sich interessiert die Bücher an. Die LDZ hat festgestellt, dass tatsächlich eine, wenn auch geringe, Fluktuation an Druckwerken zu verzeichnen ist.

Ausstattung?

Der Schrank erinnert größtenteils stark an Opas Massivholz-Schrankwand der Wirtschaftswunder-Jahre, mit einem Wort: Er ist Bertelsmann-Club-lastig, denn es überwiegen Hardcover-Bücher mit 50er-Jahre-Einbänden. Aber bei genauerer Suche findet man Klassiker der amerikanischen (John Steinbeck: Jenseits von Eden; John Irwing: Zirkuskind) und russischen (Boris Pasternak: Doktor Schiwago) Literatur, Trivialwerke (G-Man Jerry Cotton), Zeitgeistbücher (Betty Mahmoody: Nicht ohne meine Tochter) oder Verschollenes wie vom „Paten“-Autoren Mario Puzo das Buch „Der vierte K.“. Nur neuere Literatur, wer will es den Tauschwilligen verdenken, gibt es kaum. Ausnahme: Mehrere Flyer der Bürgerinitiative „Zukunft-Gronau“.

Geheimnisvolles?

Wer Zeit hat, sollte sich einmal durch die ersten Seiten der Bücher lesen. Da finden sich, wenn man Glück hat, Widmungen, die durchaus skurril sind. Oder auch bleistifteingetragene Preise wie bei Gwen Bristows Lousiana-Trilogie (Der Preis betrug 1967 sechs D-Mark).

Fazit

Der Nutzen eines offenen Bücherschranks in einer Kleinstadt sei dahingestellt, doch wichtiger ist: Er schadet auch nicht. Die damaligen Kosten von 2 000 Euro wurden größtenteils über Spenden abgedeckt, einigen Leuten dient er als Treffpunkt oder als Zeitvertreib beim Warten, und der ein oder andere nutzt in vielleicht tatsächlich. Mehr Nutzen hat er nicht. Aber auch nicht weniger.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare