Rund um das Thema „Burnout“ stellt das TfN-Stück die Frage: Wie wollen wir leben?

„Der Berg entscheidet, wie weit ich komme“

Fünf Menschen sind aus der Spur geraten. Wie sie versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, erfahren die Zuschauer in dem TfN-Stück „Restglühen“ in der KGS-Aula. Fotos: Oelkers

Gronau Fünf Menschen sind aus der Spur geraten, ausgebrannt. Wie der Banker, die Verkäuferin, der Lehrer, der Pianist und die Werbegrafikerin versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, hat das TfN-Ensemble in Petra Wüllenwebers Schauspiel „Restglühen“ vor begeistertem Publikum einen zugleich nachdenklichen wie humorvollen Theaterabend lang gezeigt. Rund um das Thema „Burnout“ stellt das im Auftrag des TfN geschriebene und Ende Mai vergangenen Jahres in Hildesheim uraufgeführte Stück die Frage: Wie wollen wir leben?

Immer weiter, immer mehr ist für die fünf Protagonisten, die sich in einem „Institut“ beim privaten Burnout-Seminar von Psychologin Dr. Swana Kimberk (Simone Mende) treffen, unmöglich geworden. Die Ausweglosigkeit steht deutlich im Raum, schon bevor das Quintett in einer eindringlichen Szene den Beatles Klassiker „Help“ anstimmt. Hilfe! Gegen die Rückenschmerzen von Jochen Billziger, als Banker in leitender Position André Vetters, hilft auch das härteste Schmerzmittel nicht mehr. Carmen Wellner (Julia Gebhardt) begegnet dem Druck in der Werbeagentur mit „Rita“. Doch auch das zur Leistungssteigerung eingesetzte Medikament Ritalin hat den Zusammenbruch der ehrgeizigen jungen Frau, die von Kindesbeinen an verinnerlicht hat: „Wer nichts leistet, wird ausgeschlossen“, nicht verhindern können. Zwischen Halbtagsjob in der Drogerie und Familie versucht die von Weinkrämpfen geschüttelte Mirjam Schmitt (Michaela Allendorf), es allen recht zu machen. Die eigenen Bedürfnisse hat sie dabei aus den Augen verloren. Lehrer Dr. Thomas Lammenbehr (Gotthardt Hauschild) schlägt die Angst vor den Schülern derart auf den Magen, dass er mehr auf der Schultoilette als im Klassenzimmer zu finden ist. Keiner von ihnen möchte, dass die Krankheit im Kreis von Arbeitgeber und Kollegen bekannt wird. Mit Ausnahme des schwarz gekleideten Pianisten Ferdinand Kleewin (Thomas Strecker) sind alle überzeugt: „Die wollen mich fertig machen.“

Zwischen Gruppen- und Einzelgesprächen, Achtsamkeitsübungen und Baumtherapie machen sich die Ausgebrannten auf den schwierigen Weg, sich ihren Problemen zu stellen, zu sich zu finden. Das innere Ringen, die Ängste, Zwänge und den Selbstbetrug bringt das bestens aufgelegte Ensemble so gut und berührend zum Ausdruck, dass die holzschnittartige Zeichnung der Charaktere ebenso verzeihlich wird wie manche Dialoge, die Ratgeberseiten von Frauenzeitschriften entnommen scheinen. Ungeachtet des ernsten Themas und der gesellschaftlichen (Fehl-)Entwicklungen, die auf der Bühne verhandelt werden, fehlen die komischen Momente nicht, so wenn Julia Gebhardt als Yuppie bei der Entspannungsübung „Gazelle“ völlig überdreht oder das Einzelgespräch zwischen Simone Mende als Psychologin und Michaela Allendorf als perfektionistische Mutter auf eine Pointe hinausläuft. „Sie machen also die Hausaufgaben ihrer Tochter“, konfrontiert die Psychologin mit strenger Stimme ihre Patientin, die in die Ecke gedrängt kontert: „Nicht alle.“

Von dem Moment an, in dem die unterschiedliche Gruppe zufällig von der Existenz eines Maulwurfs in ihrem mit absoluter Diskretion werbenden „Institut“ erfährt, kippt die Stimmung. Misstrauen hält Einzug. Der Ton in den Rollenspielen wird schärfer. Die Situation eskaliert. „Fangen Sie endlich an zu arbeiten, dafür werden sie nämlich bezahlt“, hat André Vetters, der als Banker Billziger auf sein Diktiergerät nicht verzichten will und einen „Effektivitätsnachweis“ für die Therapie verlangt, eben noch gefordert, da findet er sich und seine Mitpatienten als Teil eines psychologischen Experiments wieder. Wie die unfreiwilligen Versuchsteilnehmer in einer Extremsituation Hemmungen überwinden und negative Persönlichkeitsmerkmale sich ins Äußerste steigern, ist spannend und erschütternd inszeniert. Entlarvt werden dabei nicht allein die Charaktere der Burnout-Patienten. Entlarvt wird zugleich die Klinik, die sich als ruhiger Rückzugsort in einer sich immer schneller drehenden Gesellschaft verkauft – der Welt von Effektivität und Perfektionismus aber untrennbar angehört. „Jeder hat seinen Berg, den er glaubt bezwingen zu müssen“, gibt Simone Mende nach gut 140 Minuten dem Gronauer Publikum mit auf den weiteren Lebensweg. Am eigenen Leib und Leben hat die von ihr verkörperte Psychologin und passionierte Bergsteigerin erfahren, dass nicht alles in Macht und Gewalt des Menschen liegt: „Der Berg entscheidet, wie weit ich komme.“ Nach einem nachdenklich-stillen Moment gibt es großen Schlussapplaus.

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