Kaufleute werden mit eigenen Stärken und Schwächen konfrontiert

„Bonjour Tristesse“ oder charmante Einkaufsstadt?

VHG-Vorsitzender Dieter Meyer: „Wenn sich die Stadt die Mühe macht, das Gronauer Viereck zu gestalten, wollen wir doch mal hören, wie unser Standort aufgestellt ist.“ Fotos: Mosig

GRONAU „Wenn sich die Stadt die Mühe macht, das Gronauer Viereck zu gestalten, wollen wir doch mal hören, wie unser Standort aufgestellt ist“, sagte Dieter Meyer, Vorsitzender des Vereins für Handel und Gewerbe (VHG), während der Herbstmitgliederversammlung und leitete zu Rüdiger Reich über. Der Hamburger ist mit seiner Firma „Betriebsberatung Einzelhandel“ selbstständig und im VHG-Vorstand als Referent beim Bildungszentrum Springe ein Begriff.

Reich hat eine Analyse der Innenstadtbetriebe nach Optik sowie innerem und äußerem Erscheinungsbild durchgeführt. Vieles ist durch die Diskussionen der vergangenen fünf Jahre bekannt. Gronau ist eine charmante Stadt mit Innenstadtkern und hohem Kulturbewusstsein. Natürlich fehlt der Branchenmix. Und einige Sortimente sind nicht vorhanden, so dass der Gronauer manchmal nach Hannover fährt, aber in Hildesheim, Laatzen und Alfeld seine größte Konkurrenz sehen muss. Dennoch gibt es mitunter eine Vielfalt (Bücher, Parfüm), die Reich in einer Stadt dieser Größenordnung nicht vermutet hätte. 60 000 Menschen zählen zum Einzugsgebiet und kommen mehr oder minder häufig in die Innenstadt, vorzugweise freitags, wo der professionelle Markt mit frischen Waren locke.

Ein weiteres Plus: Die Geschäfte glänzen im wahrsten Sinne des Wortes durch Sauberkeit, und die Stimmung in der Kaufmannschaft ist gut. „Das war nicht unbedingt zu erwarten“, meinte der Fachmann mit Blick auf eine Leerstandsquote von acht Prozent. Der Bundesdurchschnitt liegt für Kleinstädte bei fünf Prozent. „Man darf nicht in eine Abwärtsspirale kommen“, sagte Reich, der bilanzierte, dass im Grunde nur eine Drogeriekette, ein Bio-Markt und vielleicht eine Tchibo-Filiale fehlen würden. Diese drei Anbieter wären aber ausschlaggebend dafür, dass ein Markt-Café funktioniert, da bei geringer Fußgängerfrequenz ein Café ohne Besucher schnell etwas Bedrückendes für eine Stadt haben könne.

Doch Reich war auch gekommen, um klare Schwächen aufzudecken. Gronau ist eine Stadt für Autofahrer, was nicht weiter schlecht ist, da Autofahrer mehr Umsatz generieren als Fußgänger, aber für ihn war es überraschend und bisweilen lebensgefährlich, sich in der Innenstadt zu bewegen. Kaum Fußgänger, wenig Radfahrer, dafür aber überbreite Lastwagen. „Das findet man selten“, so der Hamburger. Was ihn noch mehr verwunderte, war, dass scheinbar alle durch die Innenstadt fahren: „Ein Phänomen.“

Er selbst hatte bei seinem ersten Besuch den Kern gar nicht gefunden und war gleich auf der Entlastungsstraße gelandet. Die Kommune kritisierte er, dass die Stadt autofreundlich gebaut sei, er aber sofort bei einem seiner ersten Besuche ein Knöllchen hatte, weil die Parkuhr zehn Minuten abgelaufen war: „Da muss man mehr Augenmaß zeigen.“ Und ebenfalls auffällig im negativen Sinne: der Mittwochsmarkt. „Bonjour Tristesse“, so sein Urteil. Ferner fand er es verwunderlich, dass es direkt am Marktplatz eine Spielhalle gab und am Leine-Center immer noch Schlecker-Schilder hängen. „Oder ist Gronau etwas ganz Besonderes, weil es hier noch Schlecker gibt?“, so seine schelmische Frage zu einem über vier Jahre zurückliegenden Konkurs.

Diese „Betriebsblindheit“ kritisierte er auch bei den heimischen Geschäftsinhabern. Gepflegt sei die Stadt, doch vielerorts wäre die Deko nicht angepasst. Es gibt kaum so genannte Nasenschilder, mit denen man den Laden aus der Ferne oder beim Vorbeifahren erkennen würde. Nur 50 Prozent der Geschäfte seien barrierefrei, Kartenzahlung sei vielerorts nicht möglich, und die unterschiedlichen Öffnungszeiten seien laut Reich „haarsträubend“: „Denken Sie daran, dass Hildesheim und das Internet auch abends geöffnet sind und man dort immer bargeldlos bezahlen kann.“

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