100 Jahre Genozid: Sirun Böhm ruft anlässlich des Gedenktages Erinnerungen an ihren armenischen Großvater wach

„Es war ein Türke, der mich gerettet hat“

Ein Gedenkstein anlässlich des 100. Gedenktages: eine Art, auf die Sirun Böhm ihre Trauer um das Geschehene verarbeitet. Fotos: Zimmer

MEHLE „Er hat gesagt: ‘Sirunlein, mein gutes Kind, ich muss dir etwas erzählen.’ Dann erzählte er mir seine Geschichte“, beginnt Sirun Böhm. Die Mehlerin gewährt einen tiefen Einblick in das Leben ihres armenischen Großvaters, und damit auch in ihr eigenes. Der Grund dafür: der heutige Gedenktag zum Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren.

Am 24. April des Jahres 1915 begann die Deportation der armenischen Elite aus Konstantinopel. Dieser Tag dient seither dazu, der zahlreichen Opfer des so genannten Völkermordes zu gedenken. Für Sirun Böhm ist dieser Tag ein ganz besonderer, denn ihr Großvater Antranig Minas Kavoukdjian erlebte den Genozid persönlich, als Mitglied einer sehr großen Familie überlebte er als einziger. Der Genozid war auch der Grund, warum er über Syrien nach Deutschland kam. „Es waren die Türken, die uns getötet haben. Aber es war auch ein Türke, der mich gerettet hat – in einer Apfelsinenkiste“, erzählte er Sirun Böhm, als sie noch ein Kind war. Dieser Satz sei der Grund, warum sie gegenüber den Türken auch keine feindlichen Gedanken hege, erklärt sie. Diejenigen, die heute leben, hätten ja sowieso nichts mehr damit zu tun, was ihre Vorfahren getan haben. „Deshalb geht es mir auch nicht um Anschuldigungen. Es geht darum, dass die Trauer bewältigt wird und so die Wunden beginnen können zu heilen. „Die Tatsachen sollen Tatsachen genannt werden, denn Völkermord verjährt nicht“, bringt sie ihr Bedauern zum Ausdruck, dass dieses Ereignis auch heute noch keine Erwähnung in der türkischen Geschichte findet. „Wenn man so tut, als ob es das nie gegeben hätte, ist eine Versöhnung unmöglich.“ Und genau die sei nötig, damit die Armenier ihre Würde wiederfinden, ist sie sich sicher.

„Ich leide darunter unendlich“, bringt Sirun Böhm auch ihre eigenen Gefühle zum Ausdruck. Die Tatsache, dass die Gefühle der Opfer zu großen Teilen nicht anerkannt werden, macht es für sie unmöglich, den Weg der Heilung zu beschreiten. Um seine Erlebnisse verarbeiten zu können, schrieb ihr Großvater ein Buch. „Tagebuch eines Entwurzelten“ nannte er es. Als Psychotherapeutin kann Sirun Böhm seinen Trauerprozess heute viel besser verstehen. „Es ist kein Zufall, dass ich Psychotherapeutin geworden bin. Ich bin für Leid und Not sensibilisiert worden und kann dies in meiner Arbeit nutzen“, sagt sie.

Anlässlich des 100. Jahrestages hat Sirun Böhm einen Gedenkstein angefertigt. Das armenische Kreuz und das Datum von 1915 hat sie in den Thüster Sandstein hineingeformt. „Ich habe mich mit dem Thema beschäftigt. Das ist meine Art der Auseinandersetzung“, offenbart sie. Eigentlich hatte sie geplant, zu dem diesjährigen Gedenktag nach Armenien zu reisen, jedoch hätte diese Reise ihre Seele zu sehr belastet, verrät sie.

Gottesdienst in Berlin

Daher entschied sie sich dazu, zum Gottesdienst in der Berliner Oberpfarr- und Domkirche zu reisen. „Es ist mir ein Anliegen, dass Türken da nicht etwa ausgeschlossen, sondern – im Gegenteil – eingeladen sind“, hofft sie, da sie nicht weiß, was sie dort genau erwartet. Eine Ecke ihres Hauses hat Sirun Böhm ihrer Familie gewidmet. Hier bewahrt sie auch viele Erinnerungsstücke an ihren Großvater auf. Darunter befinden sich einige Fotos von ihm, aber auch eine alte Wasserpfeife, mit der Sirun Böhm einige Gedanken an ihren 1982 verstorbenen Großvater verbindet. „Sirunlein, mein liebes Kind“ – mit solchen Sätzen drückte er seine Liebe zu seiner Enkelin aus. Denn Siruns Name hat – wie alle armenischen Namen – eine Bedeutung. In ihrem Fall bedeutet er „geliebt und geschätzt“. Diese Tradition weiterführend, gab auch Sirun Böhm ihrer Tochter einen bedeutungsvollen Namen: „Iskuhi“– die Blüte.

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