Beim Verein für Handel, Handwerk und Gewerbe bleiben viele Vorstandsposten unbesetzt – doch neue Hoffnung keimt auf

Neustart auf dem „toten Pferd“

Ein Alfelder gibt den Elzern wieder Hoffnung: Kai Gerling vom Industrieverein zeigt den VHHG-Mitgliedern neue Blickwinkel auf und bietet seine Hilfe an. Foto: Mosig

ELZE Nach gut zehn Minuten Sitzungszeit war bereits alles klar. Der Verein für Handel, Handwerk und Gewerbe (VHHG) steht ohne geschäftsführenden Vorstand da. Der scheidende Vorsitzende Holger Hümpel hatte sich bis dahin kurz gefasst, um dann zu sehen, wie kaum jemand ein Vorstandsamt – zur Vergabe standen die Posten des Vorsitzenden, des Schriftführers, des ersten und zweiten Kassenwarts, des Beisitzers für Handel, des Beistzers für freie Berufe und des Kassenprüfers – annehmen wollte.

Einzig Opelhändlerin Heliastra Beckmann wurde wieder zur Beisitzerin im Handel gewählt, und Optikerin Ulrike Jakuttek-Funda übernahm das Amt der Kassenprüferin. Dass es schwierig werden würde, hatte die zweite Vorsitzende Astrid-Stichweh-Lange schon vor den Wahlen erklärt – mit Blick auf 15 stimmberechtigte Sitzungsteilnehmer, von denen einige „von auswärts“ kamen, wie Andreas Stamme von der Sparkasse Hildesheim, der erklärte: „Vielleicht hatten einige Angst, Posten abzukriegen…“

Wie geht es weiter? Der alte Vorstand bleibt kommissarisch im Amt und lädt zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung ein. Was da passieren soll? Nun, Hümpel, sonst besonnen und freundlich, sammelte sich kurz, um dann zum verbalen Rundumschlag auszuholen. Der VHHG hat 51 Mitglieder, Elze hat über 400 Gewerbetreibende. „Wo sind denn heute alle? Es war schon immer das Problem, dass die Hauptstraße nichts mitmacht. Anwesende natürlich ausgeschlossen.“ Deshalb habe er versucht, mit dem Mühlenfeldfest einen Gegenpol zu schaffen, um „die Hauptstraße“ aus der Reserve zu locken: „Das war aus heutiger Sicht ein Misserfolg.“ Hümpel wäre kein echter Elzer, wenn er sich nicht auch selbst anklagen würde: „Der verkaufslange Donnerstag war auch ein Misserfolg, zur Messe kommen immer weniger Besucher. Wir sind mal durch die Geschäfte gezogen, um für uns zu werben. Da gab es ein Neumitglied. Immer hört man nur: Alles, was Ihr macht, ist Mist.“ Bei der Infoveranstaltung vor vier Wochen (die LDZ berichtete) sollten andere Vereine angesprochen werden, doch kaum jemand kam: „Wenn ich lange betteln muss, dann weiß ich schon, dass der andere keinen Bock hat.“ Eigentlich müsse jeder Gewerbetreibende im VHHG sein, so wie jeder Hauseigentümer in der Freiwilligen Feuerwehr sein muss: „Ich selbst habe kaum etwas vom VHHG. Wenn nicht unsere Schriftführerin Cordula Kaupa bei mir in der Firma angestellt wäre, hätte ich schon eher Schluss gemacht.“ Das sei aber jetzt der Fall: „Ich habe keinen Bock mehr, ein Pferd zu reiten, das schon lange tot ist.“ Hümpels Plan: Ein letztes Anschreiben noch, und dann wird der Verein wohl aufgelöst: „Ihn braucht keiner mehr.“ Das sei laut Bauunternehmer Albert Fischer aber der falsche Weg: „Ihr habt über Jahre tolle Arbeit geleistet. Vielen Dank. Wenn jetzt Schluss ist, gibt es nichts mehr, was die Menschen nach Elze zieht.“ Laut Fischer sei es bezeichnend, dass niemand von der Verwaltung da war – was wohl der Stadtratssitzung geschuldet war. Fischer erklärte: „Stadt und VHHG haben das gleiche Interesse.“ Nämlich: die positiven Seiten der Stadt herauskehren, um Leute anzulocken. Er plädierte dafür, den Verein nicht aufzulösen, sondern vielmehr einen Neustart zu wagen. So sah es auch „Gasthörer“ Kai Gerling vom Industrieverein Alfeld-Region, einem Club, der seit einigen Jahren floriert: „Eure Herangehensweise ist meines Erachtens falsch. Man sollte nicht fragen: Wollt Ihr mitmachen? Sondern eher: Der Verein bringt Euch das und das.“ Doch dieses „das und das“ müsste erstmal formuliert sein. Gerling führte aus: Will man mit der Stadt an einem Strang ziehen oder einen Gegenpol schaffen? Will man für Elze Aktionen fahren oder sich in der Region Leinebergland besser vernetzen? Will man den Verein möglicherweise für große Industriebetriebe öffnen, denn deren Interesse müsste es doch ebenfalls sein, wie Gerling formulierte, gute Leute und Fachkräfte in eine attraktive Region zu holen, damit Südniedersachsen nicht gänzlich den Anschluss an Hannover, Braunschweig, Wolfsburg, Göttingen und mittlerweile sogar an Hameln-Holzminden verliert. Und so keimte doch wieder die Hoffnung auf einen Neustart auf. Spontan fanden sich sechs Mitglieder (plus zehn Teilnehmer von der Infoveranstaltung), die sich bereits im April treffen wollen, um Ziele zu formulieren und um den Ball wieder ins Rollen zu bringen. Und vielleicht ist es ganz einfach. Denn, wie es Stamme formulierte: „Anschreiben schmeißt man weg. Es geht nichts über das persönliche Gespräch.“ Und, wie Gerling meinte: „Man braucht im persönlichen Gespräch eine Antwort auf die Frage: Was habe ich als Gewerbetreibender davon?“

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