Fehlende Mediziner auf dem Land: Öffentliches Dialogforum zieht zahlreiche Elzer in die Astrid-Lindgren-Schule

„Hausärzte sind Mangelware“

Dr. med. Helmut Anderten von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Bezirksstelle Hildesheim, erläutert eingangs, wie die Bedarfsplanung vonstattengeht.

ELZE Mit dem Motto „Wir wollen einen Arzt vor Ort“ haben Ratsherr Wilfried Lavin und seine Mitstreiter von den Grünen offensichtlich den Nerv der Elzer getroffen: Trotz oder gerade wegen der Ankündigung von Bürgermeister Rolf Pfeiffer, dass in Elze ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) entstehen soll (die LDZ berichtete), strömten die Saalestädter in die Aula der Astrid-Lindgren-Schule zum öffentlichen Dialogforum unter dem Titel „Wie sieht die bedarfsgerechte medizinische Versorgung von morgen aus?“.

Es dürften nicht nur die Sorgen der Elzer um die medizinische Versorgung von morgen gewesen sein, die viele zur Veranstaltung lockten. Deutlich zu spüren war, dass angesichts des Todes des Elzer Allgemeinmediziners Burghard Rahtz und der Altersstruktur der Ärzte in Elze bereits das Hier und Jetzt den Elzern in Sachen Ärzteversorgung Bauchschmerzen bereitet. „Dass es uns zumutbar sei, Wege von 30 Minuten bis zum nächsten Arzt auf uns zu nehmen, hat auch mich stutzig gemacht“, hob Bürgermeister Rolf Pfeiffer in seinem Grußwort zu Beginn der Veranstaltung hervor, dass es „richtig und wichtig“ sei, das Thema aufzugreifen. Gleichwohl versuchte er zu beruhigen: „Wir sind seit Kurzem in der glücklichen Lage, dass in Elze ein MVZ genehmigt wurde“, so Pfeiffer. „Mir ist es wichtig gewesen, dass die Grundversorgung in Elze langfristig gesichert ist.“

Nichtsdestotrotz dürften auch ihm die Stimmen der Bürger nicht entgangen sein, die sich eine frühere und detailliertere Informationspolitik zum Thema Ärzteversorgung in Elze wünschten. Oder wie es ein Elzer aus dem Publikum direkt ansprach: „Es machen ständig Gerüchte im Dorf die Runde. Ich möchte doch vor allem wissen: Haben wir Ende des Jahres in Elze überhaupt noch Ärzte? Und wenn ein MVZ gebaut wird, kann man doch klar sagen, wo – und was es damit auf sich hat.“

Dass Elze im generell sorgenträchtigen ländlichen Raum Niedersachsens nochmal explizit eine Sonderrolle spielt, machte nicht zuletzt auch die Diskussion der Experten auf dem Podium zum Thema Bedarfsplanung deutlich. Vorweg versuchte Dr. Helmut Anderten, Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), per Kurzreferat zu erläutern, wie und unter welchen Rahmenbedingungen die Bedarfsplanung vonstattengeht. Deutlich wurde dabei: Die Ärzte der Altersklasse 59-plus sind im Kreis Hildesheim stark vertreten. „Damit fängt das Problem an, weil ein großer Teil früher oder später wegbricht“, so Anderten. Dennoch: Noch gilt der Bereich der Kreisstadt als „überversorgt“ und ist somit für Neuniederlassungen gesperrt – und Elze ist diesem Bezirk zugeordnet. „Das Problem Elze ist bekannt und wir versuchen, zu korrigieren“, so Anderten, der darauf verwies, dass die Einteilung des Bezirks eine Sache des Bundesausschusses sei. Jörg Reytarowski (AOK) konkretisierte: „Elze wird zu Alfeld kommen.“

Problem gelöst? Nur bedingt, wenn man den Podiumsgästen – das waren neben Anderten und Reytarowski noch Ralf Diedrichsen (Barmer GEK), Timo Fichtner (Amt für regionale Landesentwicklung), Dr. med. Katharina Hüppe (Landkreis Hildesheim) sowie der Elzer Mediziner Dr. med. Stefan Rahe und eben Ratsherr Lavin – folgen mag. Denn das Grundproblem, dass sich immer weniger Ärzte im ländlichen Raum niederlassen wollen, bleibt. Reytarowski: „Hausärzte sind künftig Mangelware. Es muss gelingen, Ärzte aus überversorgten in schlecht versorgte Regionen zu bringen. Mit der Bedarfsplanung geht das nicht.“ „Die Bedarfsplanung schafft keine neuen Ärzte“, stieß Fichtner ins gleiche Horn. Für Kommunen und darüber hinaus Regionen sei es zwingend erforderlich, an der eigenen Attraktivität zu arbeiten. „So lange sie einen freiberuflichen Arzt wollen, der sich hier niederlässt, also einen Betrieb aufbaut, ist dies ein Wettbewerb. Er wird schauen, wo die besten Voraussetzungen für seinen Betrieb und seine Familie gegeben sind“, betonte Anderten.

Letztlich, so das Credo, läuft es auf einen Wettbewerb zwischen den verschiedenen Kommunen und Regionen hinaus. Dass dabei von manchen Kommunen Anreize gesetzt werden – die von zugesicherter Kinderbetreuung über entgegenkommen bei Grundstücken bis hin zu hohen Geldsummen gehen können – sei laut Reytarowski „durchaus üblich“. Dass dies jedoch der richtige Weg für Kommunen ist, daran hegten die Diskussionsteilnehmer große Zweifel. Allen voran betonte Fichtner in seinem Kurzreferat bereits vor der Diskussion: „Isolierte kommunale Anreize führen nicht zu einer zielgerichteten flächendeckenden Versorgung.“ Vielmehr legte er den Kommunen nahe, interkommunal zu handeln, die eigene Kommune und Region attraktiv zu gestalten und zu bewerben und das Praxensystem zu ergänzen beziehungsweise umzubauen – beispielsweise durch ein MVZ. „Eine flächendeckende Versorgung ist mit Einzelkämpfer-Praxen nicht mehr zu leisten.“

Kein Allheilmittel

Ein Allheilmittel sieht Anderten in einem MVZ nicht gegeben: „Auch wenn es ein MVZ gibt, heißt das noch lange nicht, dass es auch Ärzte dafür gibt.“ So erörterte er beispielsweise, dass das Interesse am Beruf Hausarzt erloschen sei. Einen Erklärungsansatz dafür lieferten Ärzte aus Elze und der Umgebung, die sich aus den Reihen des Publikums einbrachten. So sei beispielsweise der Berg an Verwaltungsarbeit abschreckend. Zwar verrannte sich in der Folge die Debatte kurzzeitig im Klein-Klein um die Bürokratie im Arbeitsalltag von Ärzten sowie dem Gesundheitssystem, doch im Kern bleibt die Forderung eines langjährigen Hausarztes aus Osterwald: „Es gibt keine Strukturen oder Modelle – keine Motivations- oder wirtschaftliche Hilfen –, die jungen Ärzten den Schritt in ländliche Praxen attraktiv macht.“ „Bis Maßnahmen, die ja noch gar nicht auf den Weg gebracht sind, ihre Wirkung zeigen, wird es mindestens zehn Jahre dauern. So lange werden wir mit einem Rückgang von Hausärzten leben müssen“, sagte Reytarowski. Dies bedeute unter anderem, dass es gelte, die Mobilität für Patienten zu erhöhen.

Ebenso deutlich wurde im Laufe des Abends, dass die Medizin zunehmend „weiblich“ wird, sprich der Anteil an Frauen unter den jungen und angehenden Ärzten hoch ist. Entsprechend wichtig sei es, Bedingungen zu schaffen, die es ermöglichen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen und ein Hausarzt vor Ort – „ein MVZ ist ein gutes Instrument, beides zu ermöglichen“, sieht Rahe. Und so war es auch ihm vorbehalten, die von so manchem Elzer ersehnte Information preiszugeben, dass für die Praxis Rahtz ab April, wohl in einem MVZ, eine Nachfolgeregelung gefunden sei. „Die Praxis entspricht dann weiterhin 1,75 Kassenarztsitzen.“

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