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Aderlass gegen Asche:„Wir opfern unser Blut“

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Echter Nadelstich mit echtem Blut: Fünf Minuten lang zog Ärztin Stephanie von Dollwitz mehr als symbolträchtig mehrere Vakuum-Behälter roten Saftes aus dem muskulösen Arm des Wangelnstedters René Malitte. Das wird jetzt auf Asche-Dioxine untersucht. Wer zehn Jahre in Lüthorst oder Wagelnstedt lebt, kann sein Blut zur genauen Schadstoff-Analyse zapfen lassen. © Foto: Friese

WANGELNSTEDT Echter Aderlass gegen die Asche-Deponie – damit setzt die Bürgerinitiative Wangelnstedt (BI) ihren Protest gegen die umstrittene Erweiterung der GfR-Lagerstätte fort. Die Testreihe zur Einwohner-Blutuntersuchung soll nachweisen, welche Schadstoffe beidseits der Kreisgrenze eingeatmet werden und jahrelang im Fettgewebe bleiben.

Obendrein wird auf Holzmindener Landkreis-Anregung von Amtsarzt Dr. Klaus Weber unter Vorsitz von Samtgemeindebürgermeister Wolfgang Anders (SPD) ein Runder Tisch zur Asche gebildet. Dabei sind Landesgesundheitsamt Hannover, beide Landkreise und Gesundheitsämter, Stadt Dassel und Samtgemeinde Stadtoldendorf-Eschershausen sowie die BI. Zu organisieren sind Blutproben-Entnahme und Auswertung. Außerdem sollen aktuelle Naturschutz-Planvorgaben ins Spiel kommen.

Derweil sorgte die neue Schadstoff-Bewertung der Braunschweiger Gewerbeaufsicht (die EULE berichtete) für Wirbel und beschäftigte erst den Verwaltungsausschuss, dann den Stadtrat Dassels. Der von den Bündnisgrünen eingebrachte Resolutionsantrag mit zentraler Forderung nach Kernbohrung im Deponiekörper wurde mit großer SPD/CDU-Mehrheit abgelehnt (siehe Extra-Bericht).

Unterdessen bezweifelte BI-Vertreter Olaf Nolte die Unbedenklichkeitserklärung der Gewerbeaufsicht. So hätten die Fachleute nur ältere Dioxin-Proben zu Grunde gelegt, nicht aber die neueren Wischproben vom Frühjahr 2016. Allerdings bezog sich GAA-Vize Ernst-Dietrich Morgener auf Mischproben aus fünf Schürfen auf der Deponie, am 10. Mai gutachterlich angelegt. Für EULE-Nachfragen zur Beprobung war Morgener nicht erreichbar.

BI-Aktivist Prof. Manfred Sietz bemängelte indes die geringen Anforderungen für die Erweiterung nach unterster Deponiekategorie 1 wie für Klärschlamm. Nach Bodenproben von Deponie und Umgebung seien im Frühjahr weitere Wischproben im Ort, im Wohnbereich Schulwiese, in Gärten und der ersten Etage eines Hauses am anderen Ortsende genommen worden, am 10. Juni Wasserproben rund um die Deponie. „Wir fordern ein Untersuchungsprogramm mit Luft- und Wischproben“, so Sietz.

Für Holzmindens Landrätin Angela Schürzeberg (SPD) sagte ihr Allgemeiner Vertreter, Rainer Becker, der Runde Tisch sei richtig und wichtig, zumal die Bürgerinitiative weder die Kosten für die Laboruntersuchungen stemmen könne noch Aufträge erteilen wie Landkreise als Träger öffentlicher Belange.

Nach Beckers Worten gebe es Grundprinzipien, nach denen Vorhaben nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz zu beurteilen seien. Umweltschäden müssten mit Sicherheit vermieden werden. Das könne man einklagen – nicht aber die Vorsorge zum Schutz vor Belästigungen. Gegen den Staubflug könne mehr getan werden als bislang dargelegt. Der Betreiber habe zwar präzise beschrieben, wie Aschen-Austräge minimierbar wären. „Anscheinend aber ist das in der Vergangenheit so nicht gehandhabt worden”, sagte Becker. Jedenfalls sei der Landkreis Holzminden klar gegen die Erweiterung – aus Naturschutzgründen, aber auch wegen der Landschaftsveränderung.

Als einziger Mandatsträger war der Northeimer CDU-Kreistagsabgeordnete und Lüthorster Beigeordnete im Rat Dassel, Joachim Stünkel, zum Protestkulturfest gekommen. Die Deponie im alten Steinbruch sei inzwischen längst ein „Hochbau, der die Landschaft verändert. Wann ist es genug?”, hinterfragte der CDU-Mandatsmann. Deshalb habe er auch im Kreistag Kontakt zum Landkreis Holzminden angeregt. Und Northeims Landrätin Astrid Klinkert-Kittel habe entsprechend umfänglich beim Braunschweiger Gewerbeaufsichtsamt nachgehakt.

Nicht nur Stünkel will aber auch wissen, ob der Betreiber bereits gegen Auflagen und Vorgaben beim bisherigen Deponiebetrieb verstoßen hat. Das könnte nämlich die Verlässlichkeit der unternehmerischen Zusagen einschränken. Für BI-Streiter Wolfgang Damann ist der Blick auf die Vergangenheit untauglich: „Was wäre denn, wenn jetzt deutlich würde, dass es in der Vergangenheit Mängel und Verstöße gegeben hat? Soll die Deponiehalde dann wieder abgetragen werden? Wir müssen auf die Zukunft abstellen.”

Stünkel wies seinerseits auf sichtbare Veränderungen auf der Deponie hin, die den Aschenflug mindern sollen. Auch könne flüchtiger Feinstaub über Tage genauso vernässt werden wie unter Tage. Nach mutmaßlicher Entwarnung der Gewerbeaufsicht müsse nun aber auch den Betreiberanspruch auf rechtlich korrekte Anlagengenehmigung gelten. Stünkel: "Wir können nicht gegen die Deponie angehen, wenn die gemessenen Schadstoffwerte in Ordnung” wären und die Auflagen erfüllten.

Prof. Sietz wollte die GAA-Einschätzung nicht teilen. So trage die Gewerbeaufsicht nur „zu trügerischer Beruhigung“ bei. Die Lüthorster dürften jetzt nicht etwa glauben, der Feinstaub sei ganz und gar harmlos.

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