Mordprozess

Verteidiger sehen Hinweise auf Unglück 

Landgericht Göttingen
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Kalkulierter Mord oder tragischer Unfall: Vor dem Landgericht muss sich ein 49-jähriger Einbecker für die Tötung seiner jüngeren Ehefrau verantworten.

Einbeck/Göttingen - Mit eindrucksvoller Waffenschau ist der Mordprozess um den gewaltsamen Tod der 27-jährigen Einbeckerin Besma A. vor dem Landgericht Göttingen fortgesetzt worden. Die Verteidigung zweifelt an der zuletzt angenommenen Schussentfernung von höchstens 1,20 Metern und hält einen fatalen Unglücksfall für möglich. 

Umfassend wurde ein Waffenexperte des Landeskriminalamtes (LKA) befragt. Dann holte der Vorsitzende Richter Tobias Jakubetz die echte Tatwaffe heraus, mit der Cemal A. (49) seine zweite Ehefrau erschossen hat. Der LKA-Gutachter erklärte genau, wie die belgische FN-Pistole der Modellreihe ab 1922 funktioniert, wie sie geladen, zerlegt und sachgerecht gereinigt wird – und wie drei Sicherungssysteme jede unabsichtliche Schussabgabe verhindern.
Magazinsicherung, Hebelsicherung und Handballensicherung, so der langjährige LKA-Schieß-Spezialist, hätten es praktisch unmöglich gemacht, das ungewollt eine Kugel abgefeuert und dann auch die nächste Patrone dann automatisch in das Lauflager nachgeschoben wird.

Doch genau daran zweifelten die Verteidiger von Cemal A. Der tödliche Kopfschuss am 14. April 2020 kurz vor Mitternacht soll sich aus Versehen gelöst haben, als Cemal A. die Handfeuerwaffe hätte reinigen wollen. Einen gespannten Hahn vorausgesetzt, wäre ein Schuss durchaus möglich, auch wenn das Patronenmagazin herausgenommen wird und gleichzeitig die Handballensicherung durchgedrückt bleibt, argumentierte Verteidiger Dr. Florian Melloh (Hamburg) nach eigenhändigen Versuchen mit ungefährlichen Testpatronen.

Doch selbst dann, so der LKA-Experte, werde die nächste Patrone nicht oder allenfalls hakelig in den Lauf nachgeführt. Bei der Sicherstellung am Ort des tödlichen Geschehens ist die Pistole allerdings fest mit einer Kugel im Lauf geladen und entsichert gewesen. Noch nicht ganz klar wurde, wer wann das Magazin aus dem Pistolengriff gezogen hat.
Über zwei Stunden netto befasste sich die 6. Große Strafkammer nur mit der Pistole, die sich der Angeklagte bereits 2002 beschafft hatte, womöglich zum Selbstschutz seiner Familie. Bei der FN handele es sich um eine halbautomatische Selbstladewaffe von 1910. Die Weiterentwicklung von 1922 brachte dem Schießeisen einen längeren Lauf.
Die Tatwaffe selbst hat alle drei Original-Sicherungen, aber einen ausgetauschten Lauf Kaliber 7.65 Millimeter. Woher die Waffe stammt, blieb bislang offen. Das für Besma A. tödliche Projektil sei sicher aus Cemal A.s FN-Pistole abgefeuert worden. Wann das Vollmantelgeschoss in die rechte Kinnlade der dreifachen Mutter eindrang, dürfte erst mit dem gerichtsmedizinischen Gutachten klar werden.

Der Angeklagte verfolgte die Waffenschau fast regungslos. Als im großen Schwurgerichtssaal Pistolenschlitten repetiert, Abzüge gezogen wurden, als Schlagbolzen klickten und ausgeworfene Patronenhülsen auf dem Boden aufschlugen, senkte Cemal A. seinen Kopf und schüttelte sich kurz wie frostig. Zuvor hatte seine Verteidigerin Gabriele Heinecke (Hamburg) das Gutachten bemängelt, das ein LKA-Spezialist für Schussspuren und Schmauch am vorherigen Prozesstag stundenlang zu erläutern hatte.

Im Raum steht ein Beweisverwertungsverbot. Seiner Schussweitenbestimmung zufolge wäre der Todesschuss aus weniger als 120 Zentimetern abgefeuert worden – dabei sei bisher gar nicht klar, wo genau der Angeklagte saß, als der Schuss fiel. Von der Polizei angetroffen wurde Cemal A. in der Tatnacht im Wohnzimmer - 2,10 Meter gegenüber des Opfers. Für die Strafverteidigerin sei eine Schussentfernung von 1,20 bis 1,40 Metern möglich.

Obendrein ließen die schmauchspezifischen Spuren an beiden Händen des Angeklagten keinen Rückschluss darauf zu, wie die Waffe beim tödlichen Schuss gehalten wurde. Die erhebliche Beschmauchung auch an der linken Hand des rechtshändigen Angeklagten sei nur mit einem nicht festgehaltenen Schuss erklärbar, wie er sich bei einer unsachgemäßen Reinigung lösen könnte.
Womöglich, so Verteidiger Dr. Melloh, habe der Angeklagte der Pistole nur eine „Katzenwäsche“ mit geölter Putzbürste durch den Lauf verabreichen wollen, bis sich der Todesschuss gelöst habe. „An entscheidenden Stellen sind Korrekturen an der Anklageschrift nötig.“
Für den nächsten Prozesstag am 15. April sind weitere Zeugen geladen. Voraussichtlich wird das Urteil gegen Cemal A. nicht vor Ende Mai gefällt. cmf

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