Wer nicht hilft, ist Straftäter

MARKOLDENDORF/EINBECK Polizeihauptkommissar Torsten Müller vom Polizeikommissariat Einbeck sperrt kurzerhand die Landesstraße 580 zwischen den beiden Markoldendorfer Kreiseln. Per Radlager setzt Giuliano Spera einen von der Stadtoldendorfer Autoverwertungsfirma El-Wayss zur Verfügung gestellten Crash-Wagen in den Graben. „Unfallopfer“ vom Ju-gendrotkreuz positionieren sich: Gruppenleiter Aljoscha Dörel (20) im Wrack, seine 23-jährige Gruppenleiterkollegin Kimberly Barthols „ängstlich“ kauernd daneben. Extra auf Unfall geschminkt sind sie heute nicht. „Das wäre zu krass“ für das, was hier gleich geschehen soll. Unterdessen verstecken sich Präventionsbeamter Dirk Johanning vom Polizeikommissariat Einbeck und Jan Störmer vom DRK-Kreisverband Einbeck mit gutem Blick auf den „Unfallort“ ganz in der Nähe hinter Büschen – in Erwartung dessen, was wohl passieren wird, wenn die Straße wieder frei ist...

Kurze Zeit später rauschen etliche Fahrzeuge an der „Unfallstelle“ vorbei. Dann endlich halten zwei Fahrzeuge, die Warnblinker gehen an, Leon Garbelmann und Katharina Pechmann rennen zum Unfall-Fahrzeug, das Handy für den Notruf schon am Ohr. „Alles gut“, macht sich Dirk Johanning auf dem Weg zu den Ersthelfern bemerkbar: „Beruhigen Sie sich. Sie brauchen den Unfall nicht zu melden. Es ist nur eine Übung im Rahmen unserer Verkehrssicherheitswoche. Sie haben alles richtig gemacht. Alles gut!“

Doch viele andere sind weitergefahren. Ihr Glück, dass hier kein Unfall war, dass es keine Verletzten gab. Damit entfällt auch die Grundlage für eine Strafverfolgung. Denn: (nicht nur) Verkehrsteilnehmer sind grundsätzlich verpflichtet, im Notfall, bei Unfällen oder Unglücken Hilfe zu leisten. Tun sie das nicht, machen sie sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar: Und das kann mit Geldstrafe und sogar Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet werden.

Wer am Unfallort vorbeifuhr, wurde an der alten Molkerei gestoppt und von Polizei und DRK auf sein Fehlverhalten aufmerksam gemacht: Alle erhielten Flyer über das richtige Verhalten am Unfallort und ein DRK-Erste-Hilfe-Programm mit dem Hinweis, Erste-Hilfe-Kenntnisse regelmäßig aufzufrischen.

Von den rund 200 innerhalb einer Stunde in beiden Fahrtrichtungen beobachteten Fahrzeugen hielten gerade mal 15.

Deren Fahrer erhielten neben einem dicken Lob von den erfahrenen Polizei- und Einsatzkräften für ihr vorbildliches Verhalten einen USB-Stick und eine Beatmungsmaske für erste Hilfe, eine humanity-card vom Jugendrotkreuz für besondere Mitmenschlichkeit und Gummibärchen.

Dennoch dauerte es erst einmal, bis sich die Ersthelfer beruhigten. Sie alle hatten einen gehörigen Schrecken bekommen. Leon Garbelmann aus Portenhagen war erleichtert, dass es sich „nur um eine Übung“ handelte. „Ein komisches Gefühl“ hatte auch Katharina Pechmann aus Lüthorst. Sie selbst war bereits nach einem Unfall auf die Hilfe anderer angewiesen und weiß, wie man sich dann fühlt. Für beide war es eine Selbstverständlichkeit, anzuhalten und zu helfen: Es kann ja jeden treffen. Jederzeit.

Unbegreiflich: Die meisten fuhren vorbei. Und die wenigsten wissen, dass sie sich strafbar machen, wenn sie nicht helfen. Den Notfall müssen sie wenigstens melden.

Zu sensibilisieren, noch aufmerksamer, noch konzentrierter zu fahren und im Notfall zu helfen, war daher erklärtes Ziel der spektakulären Aktion – übrigens der ersten dieser Art innerhalb der Polizeiinspektion Northeim bei einer Verkehrssicherheitswoche: Die ist sonst auf die Bekämpfung der Hauptunfallursachen – Raserei und Handy-nutzung – ausgerichtet.

Der Anstoß war vom stellvertretenden Ortsbrandmeister der Feuerwehr Markoldendorf, Oliver Sassin und seinem Ortsbrandmeister Manuel Schaper gekommen, die Übung dann mit Dirk Johanning endgültig abgestimmt worden. Gesamteinsatzleiterin Sabrina Jaschewski hatte die Anregung bei der Verkehrssicherheitswoche berücksichtigt: eine gute Entscheidung, wie sich heraus- stellen sollte.

Die Resonanz fiel überwiegend positiv aus. Bei der Aufsehen erregenden Aktion zeigte sich zudem einmal mehr, wie gut Polizei, Feuerwehr- und Rettungskräfte in der Region kooperieren, betonte Johanning. Er erinnerte bei der Nachbesprechung im Kommissariat daran, dass der schwere Unfall mit drei toten Jugendlichen vor wenigen Jahren nachts bei Deitersen nicht so schnell entdeckt worden wäre, wenn ein Zeuge sich nicht noch einmal vergewissert hätte: Einige, die am nachgestellten Unfall auf der L 580 vorbeigefahren waren, hatten nämlich angegeben, den Unfall „nur aus den Augenwinkeln gesehen“ und deshalb nicht angehalten zu haben. Ein Berufskraftfahrer erklärte sogar, wegen einer Tour „keine Zeit zum Helfen“ gehabt zu haben.

Nicht nur das „Unfallopfer“, das „eingeklemmt“ im Graben ausharrte, beschlich angesichts dieser Aussagen ein mulmiges Gefühl. Wenigstens den Notruf – 112 – kann (und muss) jeder absetzen. Doch während der Stunde gingen weder bei der Feuerwehr noch bei der Polizei Unfallmeldungen von der L 580 ein. Das bestätigte auch Dassels Stadtbrandmeister Harald Sehl, der die Übung von Anfang an begleitet und den direkten Draht zur Leitstelle gehalten hatte. Ein Grund mehr für Polizei- und Rettungskräfte, die Aktion zu wiederholen, um das richtige Verhalten am Unfallort nachhaltig ins Bewusstsein zu rücken.

P.S.: Im Ernstfall sollten sich sechs Helfer um die Sicherung der Unfallstelle, den Notruf sowie den Zuspruch und die Versorgung Verletzter kümmern. In Markoldendorf waren die Verkehrsteilnehmer schon weitergefahren, wenn nur ein Wagen angehalten hatte... con

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