Initiativkreis verfestigt Gedenken an Nazi-Opfer

Sieben Stolpersteine mehr

Für Konzeptkünstler Gunter Demnig brachten Bauhof-Steinsetzer Mario Müller und Kollege Henning Dörries die sieben neuen Stolpersteine in das Einbecker Bürgersteigpflaster
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An der Stadtbibliothek begann die fünfte Stolperstein-Verlegung. Für Konzeptkünstler Gunter Demnig brachten Bauhof-Steinsetzer Mario Müller und Kollege Henning Dörries die sieben neuen Stolpersteine in das Einbecker Bürgersteigpflaster.

Einbeck – Dieser Weg ist fußläufig: Über 50 Menschen gehen mit bei der inzwischen fünften Stolperstein-Verlegung im südniedersächsischen Mittelzentrum Einbeck und begleiten die dynamische Kunst-Performance des Kölner Konzeptkünstlers Gunter Demnig gegen das gesellschaftliche Vergessen der gräulichen Untaten heimischer Hitler-Helfer.

Sieben neue Stolpersteine werden zum Totensonntag an der Stadtbibliothek, in der Tiedexer Straße und der Marktstraße eingegraben vor der letzten selbst gewählten Wohnanschrift jener sieben Opfer, die vor über 80 Jahren von organisierten Verbrechern ins organisierte Verderben geschickt werden. Das will der Stolperstein-Initiativkreis des Fördervereins „Alte Synagoge“ künftig noch ausweiten und sucht Geldgeber für weitere Stolpersteine in Einbeck, mit denen die Erinnerung an Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, auch an politisch Verfolgte, Kommunisten und Sozialisten, an Sinti und Roma, Homosexuelle, Prostituierte und Obdachlose, auch an verschleppten Zeugen Jehovas aufrecht erhalten werden soll. Sie seien Opfer eines zutiefst menschenverachtenden Systems geworden, das dürfe nie vergessen werden und müsse nachhaltig eingeordnet bleiben.

Mit den Stolpersteinen bleibt die Erinnerung an jene Menschen lebendig, die einst hier wohnten.

Jedenfalls gebe es genug zu tun: Seit 2016 sind bereits 44 Messingquader in Einbecks Bürgersteige versenkt worden, obendrein die meterlange Stolperschwelle für rund 80 Zwangsarbeiter samt Familien am Eingang des Neuen Rathauses, ehedem Heidemann-Hauptsitz. Tatsächlich sind über 70 Opfernamen bekannt. 
Stolperstein-Erfinder Demnig versenkt die vom Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländer eigenhändig geschlagenen Messing-Inschriften grundsätzlich selbst. Diesmal ist Demnig indes nicht anwesend, weil die Coronavirus-Pandemie gar nichts einfacher macht. Der 74-jährige Performance-Künstler mit dem europäischen Projekt gegen das Vergessen der Nazi-Gräuel versenkt die Gedenksteine sonst persönlich in den Boden; seit 1997 immerhin gut 90.000 Stolpersteine in 1.800 Orten und 25 europäischen Metropolen, wie Robert Stafflage vom Initiativkreis zum Auftakt an der Stadtbibliothek ausführt.
Weil sich Demnig vermeidbare Kontakte zu den örtlichen Koordinierungspersonen ersparen muss, hat der Initiativkreis schon letztes Jahr umdisponiert. Dank des guten Drahtes zur Stadtverwaltung ist Steinsetzer Mario Müller vom Kommunalen Bauhof eingesprungen und hat die sieben neuen Stolpersteine mit Assistent Henning Dörries ins Pflaster versenkt, fest vergraben als dauerhafte Mahnung an die wichtigsten Grundsätze menschlicher Gesellschaft.
Im Rassenwahn durch Hitlers Nationalsozialisten sei Deutschland unfassbar tief gesunken, mahnt Stafflage erneut und beschreibt die Schuldfrage: Die heute lebende Menschengeneration trage selbst keine Schuld an den Verbrechen der Nazis. „Aber wir sind verpflichtet, uns zu erinnern.“ Mit den Stolpersteinen „bleibt die Erinnerung an jene Menschen lebendig, die einst hier wohnten“. Über den bodenbündigen Denkmalen „verbeugen wir uns und sollten dabei mit Kopf und mit Herz stolpern“.
Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek, nach 2016 wieder mit Hingabe bei der Verlegungsaktion dabei, betont an der Stadtbibliothek ihre Haltung gegen Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus: „Wir müssen uns täglich einsetzen für Menschenwürde und Menschenrecht, für Freiheit und Frieden“, unterstrich die Rathaus-Chefin.
Der Stolpersteine-Weg beginnt in der Dr. Friedrich-Uhde-Straße 5: Vor dem abgebrannten Wohnhaus an der einstigen Bahnhofsstraße wird ein Stolperstein für Elisabeth Dücker eingesetzt, die als Mensch mit Behinderung bei der Aktion T4 umkommt – weil sie behindert ist, von den Nazis als „lebensunwert“ eingestuft und deshalb abgeholt wird. Vor der Stadtbibliothek skizziert ihre 92-jährigen Großnichte Renate Worreschk aus Bremen gemeinsam mit Joachim Voges den Lebensweg von Elisabeth Dücker.
Nach zwei Stolpersteinen vor Tiedexer Straße 9 für die jüdischen Cousinen Sophie und Rosalie Fels, deren Familiengrab auf dem Einbecker Zentralfriedhof empor steht, bringen die Bauhof-Spezialisten vor Marktstraße 1-3 die Stolpersteine für die jüdischen Geschwister Helene, Manfred und Adele Jordan ins Pflaster. Dann wird vor Marktstraße 11 für ihren Bruder Adolf Jordan ein Stolperstein eingesetzt.
 Schon an der Stadtbibliothek stimmt Mendelssohn-Musiklehrerin Sonja Tonn spezielle Klezmer-Musik an, begleitet die Verlegungen erneut mit ihrem Akkordeon. Die Kirchenkantorei singt Johann Sebastian Bachs ergreifenden Choral „Ach Herr, lass‘ Dein lieb Engelein“. - cmf

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