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Schlafende Ehefrau auf Sofa erschossen 

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Haus im Schnee
In diesem Haus starb im April die junge Ehefrau des Angeklagten. Die Staatsanwaltschaft geht von Mord aus. © Claus-Martin Friese

Einbeck/Göttingen - Seit Dienstag steht der Einbecker Cemal A. wegen Mordes und unerlaubten Waffenbesitzes vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Göttingen. Der 49-Jährige soll Mitte April 2020 seine zweite Ehefrau Besma A. im Wohnzimmer des gemeinsamen Wohnhauses mit einer halbautomatischen Selbstladepistole erschossen haben, die er bereits 2002 mit zwei Patronenmagazinen und 56 Schuss passender Munition unter der Hand gekauft hatte. Der Vorsitzende Richter Tobias Jakubetz hat vorerst sechs weitere Verhandlungstage bis April anberaumt. 

Vorsätzlich, so die Staatsanwaltschaft Göttingen, habe der Angeklagte die 27-jährige Mutter dreier Kinder am 14. April 2020 gegen 23.53 Uhr mit einem fest gehaltenen Kopfschuss aus einer FN-Pistole Browning Kaliber 7,65 getötet. Sie habe zuvor arg- und wehrlos auf dem heimischen Ecksofa geschlafen, nachdem sie mit Kopfhörern Musik vom Mobiltelefon gehört hatte. Cemal A. hatte nach dem Schuss selbst den Notruf gewählt und beim Anruf erwähnt, er habe möglicherweise seine Ehefrau beim Pistolenputzen erschossen. Nach seiner vorläufigen Festnahme am 15. April 2020 um 0.05 Uhr wurde ein Blutalkoholwert von 1,59 Promille beim Beschuldigten gemessen. Um 16.30 Uhr sei Cemal A. jedoch aus dem Polizeigewahrsam entlassen worden. Nach kriminaltechnischen und gerichtsmedizinischen Analysen sowie weiteren Ermittlungen hätte sich jedoch bald ein anderes Tatgeschehen zur Tötung der Ehefrau dargestellt. Deshalb sei Cemal A. am 8. September 2020 um 23.15 Uhr erneut festgenommen und in Rosdorf in Untersuchungshaft gesteckt worden. Für Staatsanwalt Jens Mueller ist das Tatmotiv klar: Die Ehe sei belastet gewesen. Cemal A. habe seine zweite Ehefrau loswerden wollen, ohne jedoch die gemeinsamen Kinder zu verlieren. Die Mutter und eine Schwester von Besma A. sind Nebenklägerinnen. Ihr Anwalt Manfred Koch (Hannover-Laatzen) berichtete bereits auf dem Gerichtsflur von häuslicher Gewalt. Für Cemal A.s Verteidiger Dr. Florian Melloh (Hamburg) beruht die Anklage der Staatsanwaltschaft nur auf einer bloßen These: „Niemand ist dabei gewesen.“ Cemal A. werde sich nicht zum Tatvorwurf äußern. Gleichwohl bat der Angeklagte persönlich mit einem Satz um Pardon: „Ich möchte mich bei der Familie meiner Frau und auch bei meiner Familie entschuldigen.“ Den Namen seiner Gattin nannte er nicht. Als erster Zeuge berichtete ein Einbecker Polizeibeamter vor dem Schwurgericht, wie er mit Einsatzpartner kurz vor Mitternacht am Tatort eintraf. Die Tür zum Wohnhaus habe offen gestanden, nur aus dem Wohnzimmer sei ein Wimmern und Weinen gedrungen. Im Wohnzimmer hätten die Polizisten rechts auf dem Ecksofa die regungslose blutverschmierte Besma A. gesehen, mit nach vorn geneigtem Kopf und Handy-Stöpseln in den Ohren. In der Sofaecke habe ein kleines Kind geschlafen. Der Beschuldigte habe links auf dem Sofa gesessen und nach Hilfe für seine Frau gefragt. Vor ihm habe die FN-Pistole gelegen, Patronenmagazine und eine Schachtel Munition. Den Anweisungen der Polizisten zur Festnahme sei der Mann sofort nachgekommen, er wurde am Boden fixiert und in Handschellen gelegt. Derweil sei sein erwachsener Sohn aus dem ersten Stockwerk erschienen. Die Beamten hätten den jungen Mann angewiesen, sich um das schlafende Kind auf dem Sofa zu kümmern und auf den Rettungswagen zu warten. Der erwachsene Sohn habe angegeben, tatsächlich einen Schuss gehört zu haben. Er habe sich dabei aber nichts gedacht und dann selbst weiter geschlafen. Unterdessen fühlte der Einsatzbeamte am Hals des Opfers nach dem Puls – und zählte keinen Herzschlag mehr. Nach Eintreffen des Rettungswagens sei der Beschuldigte sofort abgeführt worden. Schon vorher habe der Mann eine deutliche Alkoholfahne ausgeatmet, er sei leicht torkelnd gewesen, habe geschluchzt und geweint. Als Beschuldigter sei er aufgrund der kurzen Dauer bis zum Eintreffen nachgeführter Polizeikräfte aus Bad Gandersheim und Northeim zunächst nicht über seine Rechte belehrt worden. Der Mordprozess geht weiter am 8. Februar. cmf

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