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„Nicht auch noch aus Geschichte vertreiben“

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Familiäre Wurzeln finden heimatvertriebene Schlesier im Einbecker Stadtmuseum: Heimatvereinschef Leo Schiller. © Foto: Friese

EINBECK (cmf) – Jeder vierte Einwohner Einbecks hat familiäre Vertriebenen-Wurzeln. Für die Nachkommen schlesischer Flüchtlinge besitzt das neue Heimat-Archivmagazin im Stadtmuseum deshalb besondere Bedeutung, wie der Vorsitzende Leo Schiller vom Heimatverein Patschkau und Umgebung erläutert.

Klar grenzt sich Schiller gegen revisionistisches Aufrechnen ab. Vielmehr müsse praktische Vertriebenenarbeit zum Erhalt von Gemeinschaft und kultureller Identität beitragen. Geschichtliche Wahrheit, Völkerverständigung und Mitarbeit an einer internationalen Ordnung ohne Krieg, Flucht und Vertreibung sind für den Vereinsfunktionär weitere Arbeitsziele organisierter Vertriebener. „Wir wollten nicht auch noch aus unserer Vergangenheit vertrieben werden”, unterstrich Schiller. Dazu tragen Heimatstuben bei, wie sie Vertriebene in ihren Paten- und Partnerstädten angeregt hatten. Nicht überall sei das gelungen. Deshalb „muss etwas geschehen, damit die kulturelle Vergangenheit der verlorenen Heimat nicht im Staub der Geschichte versinkt”. Das könnten zuvorderst Vertriebene und ihre Verbände selbst erreichen. „Die Reizüberflutung für Nachgeborne nimmt durch moderne Medien rasant zu“, was zu einer zunehmenden Unbehaustheit führe. „Unsere Gesellschaft spürt die emotionale Kälte, die eine nur weltweite Orientierung nach sich zieht. Sie strebt nach internationalem Faktenwissen zu Ungunsten der eigenen Vergangenheit. Dazu kommt das unbewusste Verlangen, mit dem Vergessen der Vergangenheit Deutschlands auch die Verbrechen zuzudecken, die in deutschem Namen in den vierzehn Jahren des Hitler-Staates begangen wurden.“ Zudem dürften die kulturellen Schätze aus 700 Jahren vor 1945 nicht vergessen werden, obwohl „man leicht in den Verdacht gerät, Nationalist zu sein, nur weil man ehemals ostdeutsche Orte beim alten Namen nennt“. Der Heimatverein Patschkau und Umgebung eint die in Einbeck vertretenen Vertriebenen aus der Kleinstadt Patschkau und ihren Dörfern. Alle Flüchtlinge hätten „das Leid des eigenen Identitätsverlustes erfahren, das materielle Nichts, das Fehlen des vertrauten menschlichen Umfeldes”. Das Aufrechnen verlorener Flächen stehe für die Schaffung von Heimatstuben nicht im Vordergrund, auch nicht der materielle Wert (Industrie, Landwirtschaft, Haus- und Grundbesitz), betont Schiller. Vielmehr sollten Heimatstuben und Archive „zeigen, wie die Menschen im ehemaligen Ostdeutschland gelebt, wie sie gedacht, gefeiert, empfunden haben”. Eine „Gesamtschau des Gewesenen” sei wichtig. In Einbeck sei das gelungen, der erhaltene Nachlass aus über 700 Jahren Patschkau-Geschichte nachhaltig für künftige Generationen gesichert.

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