Kaum Kontakt zur Nachbarschaft  

Mordprozess: „Handfester Streit“ mit erster Ehefrau

Mordhaus Besma A in Einbeck Tat April 2020
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In diesem Haus soll der 49-jährige Einbecker seine schlafende Ehefrau erschossen haben.

Einbeck/Göttingen – Im Mordprozess gegen den Einbecker Cemal A. hat die Schwurgerichtskammer am Göttinger Landgericht zwei weitere Zeugen vernommen. Dem 49-jährigen Familienvater mit kurdischen Wurzeln wird die vorsätzliche Tötung seiner zweiten Frau Besma A. zur Last gelegt.

Er soll die arglos schlafende 27-jährige Mutter mit einer Handfeuerwaffe erschossen haben, um sie loszuwerden, ohne die drei gemeinsamen Kinder zu verlieren. Pistole und Patronen soll sich der Angeklagte bereits 2002 unter der Hand besorgt haben. Bei den polizeilichen Befragungen in dem dicht mit Einfamilienhäusern bebauten Wohnviertel kamen kaum tatrelevante Informationen heraus. Die meisten der befragten Nachbarn in der kleinen Stichstraße hätten kaum Kontakt zur Familie von Cemal und Besma A. gehabt. Nur mit einer Nachbarin habe es einige Gespräche gegeben und Glückwünsche zur Geburt eines Babys. Mit Besma A. habe die Nachbarin indes nicht viel zu tun gehabt, auch weil sie nur sehr schlecht deutsch gesprochen habe. Zur Tatnacht am 14. April 2020, so die ermittelnde Polizeioberkommissarin, seien bei den Umfeldbefragungen keine konkreten Angaben gemacht worden. Lediglich ein Nachbar hätte jenen Abend Geräusche von nebenan gehört, aber nicht heraus geschaut. Sonst hätten sich die Nachbarn allenfalls alltäglich gegrüßt. Sie seien aber „echt nette Menschen“ gewesen. Besma A. sei „nicht unterdrückt“ worden, das Familienleben habe sehr harmonisch gewirkt. Doch auch die direkt neben dem Tatorthaus wohnenden Nachbarn hätten trotz ihrer familiären Verwandtschaft wenig Kontakt zu Cemal A.s Familie gepflegt, zumal beide Familien im Schichtdienst gearbeitet und miteinander keine Freizeit verbracht hätten. Selbst zur Ehe des Angeklagten mit der 27-jährigen Besma A. hätten die Verwandten nichts gesagt. Mitunter habe es monatelang keinen Kontakt gegeben, allenfalls über Internet-Kurznachrichten. Von Streit oder Gewalttätigkeiten zwischen den Eheleuten Cemal und Besma A. habe der befragte Nachbar nichts mitbekommen. Er habe das Paar als „recht verliebt“ beschrieben, das sich bei Spaziergängen die „Händchen gehalten“ hätte. Der Angeklagte sei als „Lebensmittelpunkt“ des Opfers beschrieben worden. Von der Pistole habe der befragte Verwandte nichts gesagt, sondern sei vielmehr „aus dem Himmel gefallen, als er davon gehört“ hätte. Er „traue ihm definitiv keinen Mord zu“, berichtete die Ermittlerin. Weniger harmonisch sei die erste Ehe von Cemal A. verlaufen. Demnach habe es einen „handfesten Streit“ mit seiner damaligen ersten Ehefrau gegeben. Die habe der Angeklagte erheblich geschlagen, so dass die Frau im Krankenhaus behandelt werden musste. Bei der Sache sei auch die Polizei geholt worden. Cemal A. habe nach jenen Vorfällen versprochen, „so etwas in seiner zweiten Ehe nicht wieder zu tun“. Im Zeugenstand beschrieb zuvor ein 23-jähriger Beamter der Bad Gandersheimer Polizei den Nachtschicht-Einsatz am 15. April 2020. Mit seinem Kollegen sei er zum Tatort nachgeführt worden. Der Beschuldigte habe bereits auf dem linken Rücksitz im Streifenwagen der Einbecker Polizei gewartet. Für weitere Ermittlungsmaßnahmen und Blutproben sei Cemal A. zunächst zur Einbecker Dienststelle gebracht worden. Beim Umsteigen in den Bad Gandersheimer Streeifenwagen habe er gestützt werden müssen und schien, „örtlich und zeitlich nicht voll im Bild“ gewesen zu sein. „Die ersten Meter hat er noch versucht, selbst zu gehen. Wir dachten, ,das wird nichts‘ und mussten ihn zu zweit halten. Auch allein aufrecht zu stehen, klappte nicht.“ Gleichwohl sei ihm seine Situation als Beschuldigter dargelegt worden. Das hätte er auch verstanden. Geantwortet habe er mit fragendem Blick nur knapp mit „Ja, okay“. Als einzigen Satz habe Cemal A. dem Polizisten gesagt, dass er „jede Menge Schnaps getrunken hat“. Wann er welche alkoholischen Getränke trank und wieviel, blieb offen. Zunächst habe Cemal A. gar nicht so betrunken gewirkt. Doch „dann, an der frischen Luft, hatte ich das Gefühl, dass sich das verschlechtert“, so der Zeuge. Bei der Einbecker Polizei habe sich der Angeklagte gleich mehrfach erbrochen, wohl eher flüssig. Zur Spurensicherung etwa von Pulverschmauch an den Fingern seien dem Angeklagten dann Papierumschläge um die Hände gelegt worden. Für die amtlichen Blutproben sei Cemal A. dann zur Northeimer Polizeiinspektion gebracht worden. Auf der Fahrt hätte der schmächtige Mann eher geschlafen und keine Angaben zur Sache gemacht. Auf der Polizeiinspektion in der Kreisstadt habe sich der Angeklagte erneut mehrfach erbrochen. Dann seien ihm nacheinander drei Blutproben abgezogen worden, um Erkenntnisse über einen möglichen Nachtrunk zu gewinnen. Kriminaltechniker hätten derweil die Fingerspuren gesichert. Weil es Cemal A. in der Northeimer Polizeiinspektion immer schlechter ging, sei auf Anforderung der diensthabenden Schichtleiterin notärztliche Hilfe gerufen worden. Die Notärztin habe dann die Haftunfähigkeit von Cemal A. festgestellt und ihn in ein Krankenhaus überwiesen. Der Mordprozess soll am 17. März fortgesetzt werden. cmf

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