Weißtanne trotzt Klimawirren  

Mehr Mut zur Tanne

Tannen und Buchen verschiedenen Alters im Solling
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Buchen-/Weißtannen-Vorkommen im Solling: Alte Tannen im Hintergrund und eine Mischung von Nachwuchs von Buche und Tanne im Vordergrund.

Einbeck/Dassel – Kaum wahrgenommen von der Öffentlichkeit erweist sich die sonst eher in Süddeutschland verbreitete Weißtanne auch als geeignet für die Region: Auf Grund ihrer positiven Eigenschaften kommt sie an den Waldhängen des Sollings offenbar gut zurecht. Das hat der Einbecker Waldökologe Henning Städtler beobachtet. Er fordert: „Mehr Mut zur Tanne!“

Der Klimawandel stellt die Forstwirtschaft vor große und neue Herausforderungen, die unter anderem wegen des stark steigenden Risikos bei der Fichte in Forderungen nach anderen, künftig besser geeigneten Nadelbaumarten münden. „Wälder im Klimawandel“ (u.a. Weißtanne) so lautet der Titel von Heft 66 LWF Wissen der Bayerischen Forstverwaltung. Und das Bundeslandwirtschaftsministerium schreibt zur Weißtanne: „Kaum ein Baum in Deutschland hat in Geschichte, Märchen und Mythen so viele Spuren hinterlassen wie die Weißtanne. Das beginnt schon mit dem Namen: Das mittelhochdeutsche Wort ‘Tan’ bedeutet so viel wie Wald oder Forst.“ Anlass für dieses Thema ist ein Weißtannen-Vorkommen im Solling-Rand-Bereich. Es handelt sich um ein altes Buchen–Weißtannen-Vorkommen von 140 bis 160 Jahren (hier nur noch Tanne genannt) das die vergangenen drei Trockenjahre und frühere Stürme bislang gut überstanden hat. Einige wenige alte Tannen weisen Nadelverluste im Kronenbereich auf, aber es handelt sich nur um wenige Bäume und nicht um einen Totalverlust der Nadeln. Windwurfschäden wurden nicht gesichtet.  Vor 15 Jahren wurde die gleiche Fläche schon einmal in Augenschein genommen. Man kann die Waldentwicklung an Hand von Fotos sehr deutlich erkennen und ablesen, welche Entwicklung der Wald seitdem durchgemacht hat: Auf der gesamten Fläche haben sich Verjüngungs-Femel (kegelförmige Verjüngung) zwischen einem Jahr bis zu 20 Jahren aus i.W. Buche und Tanne, nachrangig Fichte und Lärche eingefunden.  Um zu verstehen, warum mehr Mut zur Weißtanne gewünscht wird, muss man die Eigenschaften dieses Baumes genauer unter die Lupe nehmen. Die heimische Weißtanne (Abies alba) kann ein Alter von über 600 Jahren und eine Höhe von bis zu 65 Metern erreichen: Kein Wunder, dass sie so zu den höchsten heimischen Bäumen in Europa zählt. Sie besitzt eine tief reichende Pfahlwurzel, die im Boden fest verankert ist und nur selten vom Sturm geworfen wird.  Mit ihrer tiefen Wurzel erreicht sie Wasserschichten, die alle anderen Nadelbäume nicht erreichen können. Keine andere Baumart ist dermaßen Schatten ertragend wie die Tanne: Sie vermag es unter dem Kronendach von alten Weißtannen oder/und Buchen auf 100 Jahre zu bringen, ohne zu vergehen. Fällt ein alter Baum aus oder werden einige starke Bäume geerntet, nutzt die Tanne sofort das Mehr an Licht und setzt ihr Dicken- und Höhenwachstum fort.  Unzählige Tannensämlinge stehen auch jetzt nach 15 Jahren wieder in den Startlöchern, um auf ihren großen Lichtblick zu warten und dann so richtig mit dem Wachstum loszulegen. Rehe verbeißen allerdings gerne junge Tannentriebe. Aber auch da ist die Tanne meist so ausgelegt, dass sie die Verbiss-Schäden oft auswachsen kann. Trotzdem ist ein angepasster Wildbestand Voraussetzung, um die Tanne natürlich nachzuziehen.  Häufige Fruchtbildung an stehenden Zapfen trägt immer wieder zu natürlichem Nachwuchs bei. Bei starken Stürmen hat sie in dieser Region auch große Standfestigkeit im Gegensatz zur Fichte bewiesen. Die langen Zeiträume mit einem gleichbleibenden Waldinnenklima machen sie nicht so für Trocknis anfällig wie die Fichte. Wenn die Tanne 100 Jahre in den Startlöchern warten kann, benötigt sie dazu lange Zeiträume, um ihr Können zu beweisen: Diese Geduld müssen Forstleute aufbringen. Mit diesen vielen guten Eigenschaften gehört die Weißtanne bei vielen Forstleuten und Waldbesitzern zu den idealen Baumarten in Bergmischwäldern. Zwar liegen die Hauptverbreitungsgebiete der Tanne im Süden Deutschlands, aber die Wirklichkeit zeigt uns an diesem Beispiel, dass die einzige heimische Nadelbaumart auch auf Solling-Waldhängen durchaus zurecht kommen kann, zumal sich die Klimazonen in Augenblick von Süd nach Nord verschieben. Auch die Erfahrungen aus den Mittelgebirgen Frankens, einer eher niederschlagsarmen Region, wächst die Tanne gut: Also mehr Mut zur Tanne! Waldökologe Henning Städtler, Einbeck 

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