Nach der Brandserie von Einbeck

Langsam kehrt Normalität ein

Feuerwehrmänner Sascha Böker und Lars Lachstädter mit Feuerwehrfahrzeug  Ein FE 20 in FTZ Einbeck
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Stadtbrandmeister Lars Lachstädter (r.) mit seinem Stellvertreter Sascha Böker: „Die Feuerwehr ist gestärkt aus der Brandserie hervorgegangen.“

Einbeck – Nach der seit dem 3. Juli anhaltenden Brandserie können die BewohnerInnen Einbecks endlich aufatmen: Mit der Festnahme auch des zweiten mutmaßlichen Brandstifters (23) ist wieder so etwas wie Normalität eingekehrt.

In Feuerwehrhäusern und -zentralen steht langsam alles wieder da, wo es hingehört; nirgendwo stapelt sich mehr kontaminierte Schutzkleidung in blauen Säcken, die Atemschutzausrüstung befindet sich wieder in den Fahrzeugen, kein Schlauch muss mehr nass auf das Fahrzeug, und die Einsatzkräfte können sich wieder auf ihr auch so schon anstrengendes Tagesgeschäft konzentrieren.   Für sie stellt sich dennoch weiter die Frage nach dem Warum. Und auch Bürgermeisterin Dr. Michalek ist erschüttert, dass so ein junger Mensch eine derartige kriminelle Energie entwickeln kann. Der in U-Haft sitzende mutmaßliche Täter soll 420.000 Euro Schaden angerichtet haben.   Klar ist: Von dieser Länge und Intensität hat es in Einbeck  nie zuvor eine Serie solchen Ausmaßes gegeben. Am 14. September riss sie urplötzlich ab, am 22. September wurde ein Bad Salzdetfurther in einem Hotel in Königslutter unter dringendem Verdacht festgenommen, für die Brand- legungen der vergangenen Wochen seit 21. August verantwortlich zu sein. Nach Überzeugung von Polizei und Staatsanwaltschaft kann sie ihm das beweisen. Obendrein habe er nach seiner Festnahme auf der Fahrt zur Einbecker Wache trotz Belehrung, ohne Anwalt nichts sagen zu müssen, sogar freiwillig täterrelevante Angaben gemacht, erklärt Oberstaatsanwalt Dr. Andreas Buick. Eine formelle Vernehmung sei das allerdings nicht gewesen.  Bis vor ein paar Jahren hatte der 23-Jährige in Einbeck gelebt, war auch mal Feuerwehrmann. Das klassische Klischee des zündelnden Feuer- wehrmannes, der sich bei selbst verursachten Einsätzen besonders hervortut, bedient er aber nicht. Er hatte der  Feuerwehr offenbar den Rücken gekehrt.  Wenn sich jetzt auch eine gewisse Erleichterung breitmacht, Stadtbrandmeister Lachstädter ist mit dieser Sache erst „durch“, wenn der mutmaßliche Täter rechtskräftig verurteilt ist. „Dann kann ich wirklich wieder durchatmen und bin beruhigt.“      Die zweite Brandserie hatte Einsatzkräfte in Atem gehalten und die Bevölkerung in Aufruhr versetzt. Beinahe täglich brannte es, Einsatz folgte auf Einsatz, ‘mal brannte es sogar an drei Stellen binnen einer Stunde. „Wir standen ständig unter Strom“, sagen Einbecks Stadtbrandmeister Lars Lachstädter und sein Stellvertreter, Sascha Böker. Allerdings schweißte diese Herausforderung noch mehr zusammen: Die Aktiven hatten sich geschworen, sich „von dem“ nicht unterkriegen zu lassen.   Die Schadenssumme an den über 20 Objekten – Gartenlauben, Scheunen, Gebäuden, Strohmieten – bilanziert sich auf gut zwei Millionen Euro, zählt man das zerstörte Industriedenkmal auf dem Salzderheldener Salinengelände von Anfang Juli mit. Manch Betroffener steht vor dem Nichts.  In fast allen Fällen war die Löschwasserversorgung schwierig. Bei sonstigen Alarmierungen handelt es sich meistens um Entstehungsbrände, da reicht der Grundschutz für das Löschwasser. Aber jetzt, das sei etwas völlig anderes gewesen: 4000 bis 5000 Liter gingen pro Minute durch die Schläuche. Kein Wunder: „Wenn wir kamen, standen die Objekte ja schon in Vollbrand.“ Nie waren weniger als 100 Feuerwehrleute im Einsatz. Lachstädter hat die Zahlen parat: Alle an diesen Einsätzen beteiligten KameradInnen bringen es ab dem 21. August auf 6539 Personalstunden, waren pro Einsatz durchschnittlich 7,15 Stunden gefordert. Damit waren fast alle 1172 Aktiven involviert. Seit Anfang Juli beanspruchten beide Serien 9500 Personalstunden, „on top“ noch die Zeiten für Reinigung, Wartung und Prüfung von Geräten und Fahrzeugen.   Kreisbrandmeister de Klein spricht von einer regelrechten „Materialschlacht“, bei deren Bewältigung die Feuerwehrtechnischen Zentralen in Bad Gandersheim und Northeim der Einbecker FTZ mithalfen, damit alle Geräte und Fahrzeuge schnellstmöglich für den nächsten Einsatz zur Verfügung standen. Diese Größenordnung wäre sonst nicht zu schaffen gewesen, meint  Sascha Böker. Da mussten allein nach einem Einsatz ‘mal eben 5000 Meter Schlauch gereinigt werden. Vom 21. Juli bis 14. August brachten die FTZ-Mitarbeiter in Einbeck 286 Atemschutzmasken, 150 Atemschutzgeräte, 40 Lungenautomaten und 313 Atemschutzflaschen wieder auf Vordermann. „Das war schon extrem viel.“ Der Kfz-Mechaniker muss es wissen. Der 41-Jährige, von Schülerzeiten an bei der Freiwilligen Feuerwehr („Ich bin eingetreten, um anderen zu helfen“), ist nicht nur ehrenamtlich in der Feuerwehr aktiv, auch seine Arbeitsstelle befindet sich in der Feuerwehrtechnischen Zentrale, wo er mit FTZ-Leiter Michael Mitzlaff und Manfred Eggers zusammenarbeitet.  Um dennoch gut gewappnet zu sein, musste sogar Material aus anderen Zentralen zusammengeholt werden, wurde zugekauft. Und selbst aus Holzminden, Göttingen und Groß Düngen wurde Unterstützung angeboten.    Trotz der Belastung der vergangenen Wochen: „Wir sind gestärkt aus der Brandserie hervorgegangen“, betonen Lachstädter und Böker. Sie habe zudem gezeigt, dass das Material, das beschafft wurde, auch gebraucht wird. Da seien sicher einige „wachgerüttelt“ worden. „Mit unserer Beschaffung sind wir auf der sicheren Seite, die Konzepte, die wir erarbeitet haben, haben gegriffen.“ Darüber hinaus sei das Zusammenspiel mit den FTZen „top“ gelaufen“, auch mit den Rettungs- und Hilfsorganisationen, die wie die Wehren ebenfalls regelmäßig zu den Einsatzorten geordert wurden: „Man hat sich besser kennen gelernt und verständigte sich schon mit Blickkontakt. Man fühlt sich inzwischen, als wäre man eine große Familie.“ Auch ohne Brandserie gelte für die Feuerwehr selbstverständlich weiter „die 24/7“, unterstreicht der Stadtbrandmeister: „Wir sind an sieben Tagen rund um die Uhr für die Bürger und Bürgerinnen da und greifen professionell und beherzt ein.“  Dass sich die Wehren aufgrund des Einsatz-Marathons uneingeschränkter Wertschätzung erfreuen, zeigt sich an großzügigen Spendenaktionen von Geschäftsleuten, aber auch an ganz rührenden kleinen Gesten: „Vor kurzem hat uns ein Kind Merci-Schokolade gebracht“, freuen sich Lachstädter und Böker. Darüber hinaus sei die Zahl der fördernden Mitglieder gestiegen. Und die Feuerwehr hat ja allen zwischen sechs und 67 auch interessante Betätigungsfelder zu bieten: „Bei uns ist jeder gerne gesehen, der sich engagieren möchte!“      con

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