Bloß HeimatLos

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Jung, geflohen und neu beheimatet singt Heistan Ali kurdische Lieder aus Syrien, während Collage-Moderator Rolf-Dieter Spann vor seiner Flucht-Ikone lauscht.

DASSEL Orientalische Klänge und nachdenkliche Stimmen – mit eindrucksvoller Vernissage hat der Künstlerkreis Collage jetzt seine Ausstellung „HeimatLos“ im Rathaus Dassel gestartet. Über 60 Leute erlebten bei Liedern, Gedichten und Textvorträgen Begegnung und Gespräch über alte Heimatwurzeln, aktuelle Flüchtlingsdramatik und ausgelebte Willkommenskultur.

Mit der neuen Ausstellung unterstreicht der Collage-Kreis nach über 20 kunstvollen Jahren seine aktuelle Bedeutung für kulturelle Vielfalt in der Solling-Stadt. Da lohnt mehr als ein flüchtiger Blick – zumal Krieg, Flucht und Vertreibung auch nach 70 Jahren Frieden in Deutschland noch immer gegenwärtig sind, wie Collage-Moderator Rolf-Dieter Spann betonte: „In fast jeder Familie erzeugen diese Vokabeln persönliche Erinnerungen, auch wenn manche verdrängen, dass auch sie von Flüchtlingen abstammen.“

Dazu passend, trug Collage-Aktivistin Bärbel Spann ein Gedicht ihres ostpreußischen Onkels Heinz Schlicht von 1946 vor. Darin heißt es: „Wer die Heimat nicht verloren, wem nicht selber Leid gescheh'n, kann die Leiden und die Sehnsucht eines Flüchtlings nicht versteh'n.“ Mehrere Collagisten bereicherten die Vernissage mit reflektierenden Texten und wahrer Wortmahnung, bevor ungeplant Impromptu-Gesang erklang.

Anfänglich hatte die junge Syrerin Heistan Ali kurdisches Liedgut angestimmt, dann zu Playback-Musik vom Handtelefon frische Strophen ausgetextet: „Das Leben, jetzt als Flüchtling, ist schwer. So schwer für den Menschen, Mensch zu bleiben. Ich habe nur dieses Leben, ich will nicht länger leiden.“

Dr. Ludger Kappen übersetzte für die „HeimatLos"-Vernissage extra die berührenden Texte des Iraners Sadek Issa, der über die Türkei nach Dassel kam und persisch über Heimatverlust, Obdach, Abschied und Vergebung reimte: „Heimat ist kein fester Ort, Heimat ist ein Seelenhort. Heimat ist Geborgenheit, ein Gefühl in Ort und Zeit. Doch ich sehe mit Entsetzen, wie so viele dies verletzen.“

Die Antwort weht im Wind, wie Eckhard Warnecke mit Konzertgitarre knarzig Nobelpreisträger Bob Dylan zitierte – und dessen alte Freundin Joan Baez mit dem Anti-Kriegssong „Sag mir, wo die Blumen sind.“ Schließlich trug Rolf-Dieter Spann sein 1996-er Gedicht vor und mahnte: „Die Zeit ist reif, sich zu umarmen, sich Mut zu sprechen in der Not. Die Zeit ist reif, sich zu erbarmen, das Dach zu teilen und das Brot.“ cmf

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