Zum Weltkindertag: Interview mit dem Freischaffenden Philosophen Bertrand Stern

„Kinder sind die größte unterdrückte Minderheit“

Bertrand Stern: „Die Schulanwesenheitspflicht in Deutschland ist eine krasse Form von Gewalt.“

EINBECK (con) Junge Menschen sind aus seiner Sicht keine zu bildenden, zu erziehenden und zu beschulenden Objekte, sondern vielmehr Subjekte, denen von Anfang an das Recht auf Eigenverantwortung und Selbstbestimmung zusteht – und zwar von ihrer Geburt bis zur Volljährigkeit: Der das sagt, ist der freischaffende Philosoph Bertrand Stern. Am heutigen Mittwoch ist er im Vorfeld des Einbecker Weltkindertagsfestes in der Stadtbibliothek zu einem Vortrag zu Gast, um über die Frage „Sind Kinder auch Menschen?“ zu sprechen und mit den Teilnehmern zu diskutieren. Die EULE sprach mit ihm.

In einer Pressemitteilung der Organisatoren werden Sie als Kinderrechtler bezeichnet. Wie wird man dazu?

Stern: Ich bin Philosoph und nicht Jurist. Der Begriff „Kinderrechte“ ist insofern viel weiter zu fassen als im streng formal juristischen Sinn und greift auch in ethische Fragen.

Warum dauert es so lange, bis sich Kinderrechte überhaupt im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankern?

Stern: Man muss bedenken, dass so genannte Kinder die größte unterdrückte Minderheit hierzulande sind. Das ist tragisch und dramatisch. Man pfercht sie in das Reservat Kindheit, hält sie künstlich klein und traut ihnen eigenverantwortliches, selbstbestimmtes Handeln nicht zu. Wie ich zu sagen pflege, werden sie deshalb als Kinder gehalten, weil sie für Kinder gehalten werden. Das System geht davon aus, dass sie sich kein Urteil bilden können. Das zeugt nicht von respekt- und würdevollem Umgang. Dabei ist das gerade ein Grundrecht.

Brauchen junge Menschen eigentlich spezielle Kinderrechte? Ausgehend von Ihrer Fragestellung, ob Kinder auch Menschen sind, würden die Menschenrechte doch vollkommen ausreichen.

Stern: Das würde tatsächlich die Probleme lösen, die wir jetzt angehen müssen, um eine Rechtssituation zu schaffen, in der junge Menschen aus dieser Altersdiskriminierung ausbrechen können. Wer in der Kindheit aufwächst, gewöhnt sich an pyramidale Gesellschaftsstrukturen. Der subtile Vater wird später durch den „Vater-Staat“ ersetzt. So festigen sich klammheimlich Machtstrukturen.

Meinen Sie, dass junge Menschen mit dieser Freiheit umgehen können?

Stern: Gehen wir einmal von dem siebenjährigen Mädchen aus, das nicht zur Schule gehen will. Dieses Mädchen hat das Recht dazu. Nur in Deutschland haben wir diesen Schulanwesenheitszwang, der übrigens auf den Nationalsozialismus zurück zu führen ist. Das ist eine krasse Form von Gewalt. Es wird doch nicht besser, wenn wir Menschen zwingen.

Was meinen Sie?

Stern: Die allerheiligste Aufgabe eines Gemeinwesens ist es, Zugang zu Bildung zu schaffen. Das Grundrecht auf Bildung bedeutet ja, dass jeder das Recht hat, frei sich zu bilden. Wir müssen ihm diese Möglichkeit eröffnen. Ob er sie nutzt, ist seine Sache.

Zurück zu dem siebenjährigen Mädchen...

Stern: In der Realität mag das noch kompliziert sein. Aber es besteht dringender Handlungsbedarf, Infrastrukturen zu schaffen, die es ermöglichen, dass sich junge Menschen vom Objekt zum Subjekt wandeln und ihr Recht auf freie Bildung nutzen können. Eines der Grundbedürfnisse des Menschen ist es, sich zu bilden. In Ländern, in denen es keinen Schulanwesenheitszwang gibt, sind die Menschen schließlich auch keine Barbaren.

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