14 neue Stolpersteine verlegt

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Vier Stolpersteine am Altendorfer Tor 7 für Familie Fuchs. Mendelssohn-Musikschulspielerin Sonja Tonn spielte leise Akkordeontöne. Mitglieder des Initiativkreises verlasen Opfer-Biografien.

EINBECK Es sind stille Zeugnisse, die der Kölner Projektkünstler Gunter Demnig direkt in die Nachbarschaften eingräbt. Auf schimmerndem Messing steht nur knapp der Name, dazu die Lebenszeit, die letzte Wohnanschrift, das tödliche Ende. Es sind Eckdaten jüdischer Opfer, die zur Nazi-Zeit von Hitlers heimischen Helfern aus ihren Häusern und Wohnungen geholt wurden, enteignet und von organisierten Verbrechern ins organisierte Verderben geschickt. Jetzt hat Demnig in Einbeck 14 neue Stolpersteine vor sechs Häusern eingepflastert. Damit mahnen inzwischen 29 Schicksalsschilder in der Innenstadt.

Das ist noch lang nicht genug: Der Stolperstein-Initiativkreis im Förderverein „Alte Synagoge“ will mit weiteren ebenerdigen Gedenktafeln dauerhaft an alle rund 70 jüdischen Opfer aus Einbeck erinnern, die unter nationalsozialistischem Regime ihrem Lebensumfeld entnommen, entrissen wurden. Mord an sechs Millionen Juden, Mord an Roma, Sinti und anderen Minderheiten, Mord an Behinderten – einzigartig schrecklich. „Für uns bleibt es bis heute unfassbar“, wie tief Nazi-Deutschland „gegen alle humanisten und ethischen Regeln der Menschheit abstürzen konnte“, sagt Robert Stafflage vom Stolperstein-Initiativkreis zum Auftakt der zweiten Verlegungsaktion. „Dieser Nazi-Terror bleibt eines der größten, wahrscheinlich sogar das größte Verbrechen der Weltgeschichte“, zitiert Stafflage.

Die heute lebende Generation trage zwar keine direkte Schuld an diesen Verbrechen. „Aber wir sind verpflichtet, uns daran zu erinnern. Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen wird“, meint Stafflage. Die Stolpersteine seien langfristige Mahnung. Durch sie „bleibt die Erinnerung an jene Menschen lebendig, die einst hier wohnten“. Über den Messingmarken „verbeugen wir uns und sollten hierbei mit Kopf und mit Herz stolpern“.

Stafflage weiß, dass die Gedenktafeln auch auf Kritik stoßen könnten. Das müsse und werde der Stolperstein-Kreis in Kauf nehmen. Auch die stellvertretende Bürgermeisterin Antje Sölter berichtet von bestimmten Verdrängungen: Im Gespräch höre sie mitunter von Älteren und manchen Jüngeren, dass „es jetzt langsam 'mal genug damit sein“ und ob nicht „irgendwann ein 'Schlussstrich' gezogen werden müsse“ unter Nazi-Gräuel und Erinnerung. „Ehrlich gesagt: Nein! Auf keinen Fall“, stellt Sölter sofort klar: „Sicher sind wir nicht persönlich verantwortlich für das, was geschehen ist. Aber wir sind verantwortlich dafür, dass es sich nicht wiederholt!“ Ohnehin seien Verfolgung, Vertreibung, Krieg, Flucht und Tod auch heute hochaktuell. „Eine Welle der Hilfsbereitschaft ging durch unser Land“, meint die Vize-Bürgermeisterin, „doch leider sind nicht alle unter uns auf dieser Welle mitgeschwommen“. Vielmehr stünden einige Gruppierungen für Fremdenhass und Ablehnung. Dagegen müsse Erinnerung, Verantwortlichkeit und Wachsamkeit gesetzt werden. Auch ließen Initiativen wie „Einbeck ist bunt“ hoffen, dass ein Großteil der Bevölkerung weltoffen sei und bleibe.

Seit 1997 hat Aktionskünstler Demnig knapp 61.000 Stolpersteine an 1.100 Orten in Europa sichtbar installiert. Die Gedenktafeln werden nur über private Spenden finanziert. Bei der zweiten Verlegung bedacht wurden Selma und Jakob Rosenberg (Marktstraße 5), Rosa Steinberg (Rabbethgestraße 4), Familie Fuchs (Altendorfer Tor 7), Johanne Steinberg (Altendorfer Straße 26), Emilie Weimar (Benser Straße 1), Familie Kayser sowie Artur und Walter Goldschmidt (Marktstraße 11). Die Biografien und Infos gibt es online über www.stolpersteine-einbeck.de. cmf

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