Mordprozess um Todesschuss in Einbeck 

„Irgendetwas ist passiert“ am „Roten Mittwoch“ 

Landgericht Göttingen
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„Mein Herz sagte, es ist irgendetwas geschehen“, erinnerte sich die 32-jährige Nebenklägerin am Tag 10 des Mordprozesses gegen den Einbecker Cemal A. vor dem Landgericht Göttingen.

Einbeck/Göttingen – Für Kurden jesidischen Glaubens ist der „Rote Mittwoch“ Mitte April immer heilig und markiert ihren religiösen Jahresbeginn. „Unsere Mutter hatte Glückwünsche zu unserem Neujahrsfest geschickt. Aber Schwester Besma war nicht anwesend in der gemeinsamen WhatsApp-Chatgruppe. Mein Herz sagte, es ist irgendetwas geschehen“, erinnerte die 32-jährige Nebenklägerin im Mordprozess gegen den Einbecker Cemal A. vor dem Landgericht Göttingen. Wenig später brach die Zeugin in Tränen aus. 

„Mutter meinte noch, Besma ist vielleicht bei der Schwiegermutter – aber ich ahnte, dass ihr irgendwas passiert ist. Da habe ich sie angerufen. Doch Besma ging nicht dran“ an ihr Telefon, als die ältere Schwester im niederländischen Exil die Handynummer der 27-jährigen Besma A. in Einbeck wählte.

Am Vorabend des jesidischen Neujahrsfestes Sersal war der dreifachen Mutter tatsächlich etwas passiert bei Cemal A., der nach Aktenlage Besmas Ehemann war. Schon bevor der „Rote Mittwoch“ anbrach, war die gebürtige Irakerin tot. Der 49-jährige Familienvater hatte seine zweite Ehefrau rund zehn Jahre nach der Hochzeit in einem Dorf im nordirakischen Sindshar-Gebirge am 14. April 2020 mit einem Kopfschuss getötet und kurz vor Mitternacht zweimal selbst den Notruf 112 gewählt. Der Schuss habe sich aus Versehen gelöst, als der gebürtige Türke eine unter der Hand beschaffte FN-Pistole spätabends habe putzen wollen und dazu im Wohnzimmer mit dem scharfen Schießeisen hantiert hätte. Das Projektil Kaliber 7.65 Browning traf Besma A.s rechte Kinnlade und blieb tödlich stecken. Tatortermittler schilderten in dem seit Januar laufenden Mordprozess, das Opfer habe wie schlafend auf dem Wohnzimmersofa gesessen. Ein Kleinkind lag schlafend daneben, im TV-Gerät lief eine Kindersendung.

Auch am zehnten Prozesstag bestimmte juristischer Schlagabtausch zwischen Verteidigung und Nebenklage weiter die Hauptverhandlung gegen Cemal A. (49). Auf Antrag der Verteidigung und mit Einwilligung von Zeugin und Nebenklagevertretung wurde das Smartphone der Schwester als Beweismittel beschlagnahmt. Das Gerät wurde noch während der Verhandlung von der Polizei Northeim abgeholt, um den Inhalt, verschickte Fotos, Verbingungsdaten und Chat-Protokolle als Kopien zu spiegeln, soweit das nicht bereits vor Anklageerhebung erfolgt sei. Gecheckt werden soll, wie „innere Tatsachen“ bei den Zeugen und tatsächliche Verletzungen des Opfers gegeneinander bewertet werden. Es geht um Belege für Schläge, Einsperrungen, Demütigungen, zwei wohl ungewollte Schwangerschaftsabbrüche, Mobbing aus der Familie des Angeklagten, den eindeutigen Scheidungswillen des Opfers und mehrfache Todesdrohungen.

Die Funkzellenauswertung aus den drei Monaten vor dem Todesschuss hatte allerdings nur auf geringfügigen Gerätegebrauch von Besma A. gedeutet. Tatrelevante Aspekte hatten die Polizeiermittlungen nicht zutage gefördert. Allerdings, so gab die 32-jährige Schwester an, habe der Angeklagte Cemal A. Internet-Gespräche seiner jüngeren Frau verboten und auch unterbunden. cmf

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