Zwei junge Dasseler arbeiten mit landwirtschaftlichen Geräten aus den 1960ern

„Hier sieht man noch, wie etwas funktioniert“

Hannes Garbelmann und Jendrik Philipps ackern mit alten Geräten.
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Hannes Garbelmann (l.) und Jendrik Philipps ackern mit alten Geräten.

Dassel – „Einfach mal machen“ – das Motto der Niedersächsischen Landjugend passt bei Hannes Garbelmann und Jendrik Philipps, obwohl die beiden eigentlich nicht direkt etwas mit Landwirtschaft zu tun haben. Die beiden 21-jährigen Studenten schätzen alte, technische landwirtschaftliche Geräte: Hannes besitzt einen Trecker Hanomag R324 S, Baujahr 1960, und Jendrik einen Deutz D30 S von 1963: „Und wer einen Trecker hat, der braucht einen Pflug, und wer einen Pflug hat, der braucht eine Egge und so weiter“, berichten die beiden verschmitzt, und schon wuchs der Gerätepark an. Alles alte Maschinen – grob passend zum Trecker aus den 1950er und 1960er Jahren – die für kleines Geld im Internet gekauft wurden und auf ihren Einsatz warteten. Abhilfe verschaffte ein befreundeter Landwirt: „Herausgekommen ist eine Symbiose, von der wir alle – auch als Gesellschaft – profitieren“, ist sich Stefan Golze als bekennender Ausprobier-Landwirt und Flächenbereitsteller für das Projekt „Ackern mit alten Geräten“ sicher.

„Wir wollten immer schon Kartoffeln machen und fragten Stefan, ob wir für ihn welche legen könnten, um so endlich unsere alten Geräte auf seinem Acker zu nutzen“, berichtet Jendrik Philipps, der an der Uni Göttingen zwar Agrarwissenschaften studiert, aber nicht vom Hof kommt. Landwirt Golze betreibt in Dassel den Hof Ilmeaue mit Hühnermobilen, Mutterkuhhaltung und Direktvermarktung und war von Beginn an begeistert. Er überließ den beiden Do-it-yourself-Landwirten insgesamt 3.400 Quadratmeter zur freien Verfügung. Diese erweiterten zwischenzeitlich ihren Fuhrpark um eine Kartoffellegemaschine, einen Kartoffelroder, einen Mähbalken, zwei Pflüge, Schwader, Sämaschine, Häufelpflug und zwei Ballenpressen.

„Die Geräte haben wir alle günstig kaufen bzw. auch wieder verkaufen können, sodass wir im Schnitt alle Maschinen finanzieren konnten – auch wenn wir bis Stuttgart fahren mussten, um sie abzuholen“, berichtet Bauingenieurstudent Hannes Garbelmann, dessen Großeltern bis zur Aufgabe des Hofes 1997 Milch- und Ackerbauern waren. Nun finden die Ackergeräte des Enkelsohnes in den Scheunen Unterschlupf. Glücklicherweise funktionierten die landwirtschaftlichen Geräte. Zur Not gibt es Infos aus dem Internet oder vom Opa, sodass die Jungs reparieren, schmieden oder schweißen, um die Landmaschinen funktionstüchtig zu machen: „Das ist das Schöne an den Sachen. Hier sieht man noch genau, wie etwas funktioniert“, schwärmt Hannes von den einfachen, mechanischen, aber effektiven Maschinen, die nun liebevoll restauriert werden.

Es war daher nicht verwunderlich, dass viele Interessierte und Neugierige am Feldrand stehen blieben und dem Trio bei der Ackervorbereitung und -bestellung zuschauten. „Das ist der Unterschied zur modernen Landwirtschaft, wo große High-Tech-Maschinen über das Feld fahren. Wir kamen mit den Leuten ins Gespräch, die selbst keine Ahnung von der Urproduktion haben. Hier sehen und schätzen sie die Arbeit. Einen Morgen mit einem Ein-Schar-Pflug zu bearbeiten, ist schon eine Aufgabe“, berichtet Golze, der bislang das Pflügen von einem Kollegen verrichten ließ.

Hof-Aktionen, wie das Bett im Kornfeld im vergangenen Jahr, und der Austausch mit dem Verbraucher gehören zum Konzept seines Hofes. Das Zusammenspiel von Landwirtschaft, Gesellschaft, Verbraucher und Öffentlichkeit wollen die drei jungen Männer voranbringen und gründeten vor kurzem mit Golzes Schwager Elias Kreuzinger den Verein „Hof.Kultur“. Hof- und Erntefeste sowie weitere Aktionen rund um Landwirtschaft und Verbraucher werden zukünftig von diesem noch kleinen Verein organisiert, um Landwirtschaft und die Produktion von Lebensmitteln sichtbar zu machen. Unter alt.solling.hof werden Hannes und Jendrik zudem Videos und Fotos vom Ackern mit alten Geräten auf Instagram posten.

„Man sieht jeden Arbeitsschritt, und einige mussten wir – gerade beim Kartoffelanhäufen – etliche Male wiederholen, bis das Ergebnis uns einigermaßen zufrieden stellte“, berichten die beiden Retro-Nachwuchs-Landwirte. „Die haben wir mehr aus- als eingegraben – aber jetzt sieht man schon die ersten grünen Blätter neben dem Unkraut hervorschauen“, geben sie sich optimistisch. Auch der 32-jährige Landwirt ist gespannt, was letzten Endes dabei herauskommen wird. „Letztes Jahr hatte ich 16 Reihen Kartoffeln mit 16 verschiedenen Sorten. Da war viel Mist dabei“, gibt er schmunzelnd zu. Jetzt hat das Trio sieben Sorten auf 1.800 Quadratmeter gepflanzt: Annabell, Belana, Linda und weitere bis hin zu Heiderot werden nun mit dem Unkraut um die Wette wachsen, denn der Hof Ilmeaue versucht ohne chemische Pflanzenschutzmittel auszukommen, ist aber kein Biobetrieb.

„Wir setzten auf regional und saisonal. Hacken, Häufeln und Striegeln ist angesagt und schauen, was rauskommt“, zeigt der experimentierfreudige Golze auf. Er hofft auf wenig Unkrautdruck, um notfalls nur wenig Pflanzenschutzmittel einsetzen zu müssen. Experimentieren gilt auch für das 1.600 Quadratmeter große Versuchs-Mix-Feld, wo Süßkartoffeln neben Erdbeeren, Bohnen, Sonnenblumen, Karotten, Rhabarber, Zuckermais und Kürbis wachsen sollen. „Der Feldstreifen ist unsere Spielwiese. Wir probieren ein paar Sachen aus, schauen, wie es wächst und ob von Kundenseite Interesse daran besteht“, berichtet Golze, und seine Kompagnons ergänzen: „Du hast den Lavendel an der Seite noch vergessen!“ Dass auch die Pflege der Bestände zur Arbeit gehört, ist allen klar. „Corona hat unsere Aktivitäten mit der online-Uni zeitlich sehr erleichtert, doch wir denken, dass wir das weiterhin hinkriegen werden“, geben sich die beiden Hobby-Landwirte gelassen und fügen abschließend hinzu: „Ganz oben auf der Wunschliste steht noch ein selbstfahrender oder anzuhängender Mähdrescher – natürlich passend aus den 1960er Jahren. Doch jetzt haben die Kartoffeln und das Mähen des Grünlands erst einmal Vorrang.“

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