Online-Ausstellung in der KWS Art Lounge NEWCOMER in Einbeck

„Hausarrest“ mit Julia Lormis

Ein Blick ins Wohnzimmer von Julia Lormis während des Lockdowns.
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Ein Blick ins Wohnzimmer von Julia Lormis während des Lockdowns.

Einbeck – Seit Freitag, 15. Januar, zeigt die KWS Art Lounge NEWCOMER die Ausstellung „Hausarrest“ der Fotografin Julia Lormis online. Aber auch in den Räumen an der Tiedexer Straße ist sie bis Ende Februar zu sehen – und zwar durch die Fenster der Galerie in der Passage. Julia Lormis dokumentiert in einem fotografischen Tagebuch die Zeit des Lockdowns während der Corona-Pandemie.

Die Ausstellung „Hausarrest“ erweitert den konzeptuellen Ansatz des fotografischen Essays „Hausarrest“ (2020) um die räumliche Ebene. Die begehbaren, audiovisuellen Rauminstallationen des Wohnzimmers (erster Raum der Art Lounge) und der Küche (zweiter Raum der Art Lounge) pointieren dabei in zeitgenössischer Form die niederländische Genremalerei des 17. Jahrhunderts, indem der Betrachter voyeuristisch von außen in den Raum blicken, aber auch der private Raum, das „Künstleratelier“, real betreten werden kann. Die Grenze zwischen „Öffentlich“ und „Privat“ verschwimmt. Ihre Fotografien sind Augenblicksbilder, deren Subjektivität mit größtmöglicher Objektivität zusammenfallen. Das Alltägliche und Vertraute wird durch kontrollierte Kameraeinstellungen, selektive Tiefenschärfe bzw. Unschärfe oder rhythmische Bildkombination gewürdigt und wirft zugleich Fragen nach dem Verhältnis von Realität und Fiktion auf. In diesem vielschichtigen Erzählcharakter zwischen Kunst und Dokumentation behält das Einzelbild seine eigenständige Qualität und verstärkt sich in serieller Montage gegenseitig. Julia Lormis´ Fotografien sind Bilder, die in Format, Farbe und Komposition den Anspruch eines „Gemäldes“ haben.

Die fotografischen Arbeiten erhalten Gegenspieler in den Audiowiedergaben. Die Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Beginn der ersten Lockdown-Phase im März 2020 markiert den zeitlichen Beginn der fotografischen Arbeiten. Mit Albert Camus´ „Die Pest“ und Giovanni Boccaccios „Das Dekameron“ vernetzt sich das mit-sich-selbst-konfrontiert Sein im historisch-literarischen Kontext. In den Audiosequenzen erzählen Menschen aus der ganzen Welt von ihren Gedanken, Eindrücken oder Erfahrungen während der Isolation. Dies globale, historisch, literarische „Storytelling“ und ihre Fotografien stellt Julia Lormis zu einem komplexen Gesamtkunstwerk zusammen. Durch die bühnenhafte, narrative, räumliche Inszenierung bringt sie den Betrachter dazu, sich an eigene Erfahrungen zu erinnern und diese mit den gezeigten Fotografien bzw. räumlichen Eindrücken zu verbinden. Damit gelingt es ihr, gegenwärtige Ereignisse zu Grundfragen des menschlichen Lebens wie Einsamkeit, Ängste, Hoffnung und Zuversicht über die Visualisierung hinausgehend zum Gesprächsthema zu machen. Sie entschlüsselt und verschlüsselt Sichtbares. Ihre Arbeiten schaffen einen Platz in der visuellen Erinnerung.

Julia Lormis wörtlich: Die Corona-Pandemie ist ein globales, historisches Ereignis, dessen Auswirkungen noch viele Jahre spürbar sein werden. Es gab in den letzten 75 Jahren weltweit keine vergleichbare Krise. Mir als Fotografin ist es ein besonderes Bedürfnis, meinen Beitrag zu leisten und dieses Ereignis zu dokumentieren.“ Die Künstlerin und Fotografin arbeitet seit 2012 als freiberufliche Fotografin. 2015 absolvierte sie ihren Bachelor of Arts in Politikwissenschaft und Germanistik an der Georg-August-Universität Göttingen. Im selben Jahr startete sie das Studium Fotojournalismus und Dokumentarfotografie in Hannover, das sie im August 2020 erfolgreich abschloss. In den vergangenen sechs Jahren präsentierte sie in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen ihre fotografischen Arbeiten. Im September vergangenen Jahres gewann sie den Andreas-Kunstpreis 2020. 

P.S.: Das fotografische Tagebuch „Hausarrest“ von Julia Lormis enthält auch Auszüge aus dem bekannten Roman von Albert Camus, „Die Pest“. Der Intendant der Gandersheimer Domfestspiele, Achim Lenz, wird am 4. Februar um 18.30 Uhr in der Ausstellung aus diesem Roman lesen. Die Veranstaltung soll live gestreamt werden.

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