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Eltern sind aufgebracht

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In jedem Jahr kommt ein Kindergrab auf dem Einbecker Friedhof dazu. Die Erhöhung der Friedhofsgebühren um über 100 Prozent ist für die meisten jungen trauernden Familien nur schwer zu verkraften. „Verdienen“ an Kindergräbern?

EINBECK Die geplante Erhöhung der Einbecker Friedhofsgebühren ist der Aufreger der letzten Wochen. Keine Frage. Sterben ist teuer. In Einbeck sollen die Gebühren jetzt um über 100 Prozent steigen.

Der Betriebsausschuss Kommunaler Bauhof hat sich bereits für die unpopuläre Maßnahme ausgesprochen, die alle betrifft und kurzfristig eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen; am Mittwoch soll der Rat entscheiden. Der Gebührenhaushalt muss rechtlich unangreifbar sein, sonst droht die zwangsweise „Anpassung“ der Aufsichtsbehörde. Allein 2015 klaffte im Haushalt ein Loch von 200 000 Euro. 

Friedhöfe sind mittlerweile überall ein Zuschussgeschäft: Die Anlagen stehen und müssen unterhalten werden, aber der Wegfall des Sterbegeldes und veränderte Bestattungsvorstellungen hin zum günstigeren Urnengrab führen mitten ins Defizit. Während sich die meisten Älteren mit dem Sterben auseinandersetzen und Vorsorge betreiben, stehen vor allem junge Menschen, denen der Tod ihres Kindes urplötzlich den Boden unter den Füßen wegreißt, vor der Frage, wie sie innerhalb weniger Wochen das Geld für die Bestattung aufbringen sollen. Mit Hilfe von Familie und Freunden? Schulden machen? Auf die Güte des Bestatters hoffen, der Ratenzahlung gewährt? 

Für die meisten jungen trauernden Familien, die in dieser schweren Zeit „wirklich viel zu tragen“ haben, seien die 500 Euro mehr für eine 20-jährige Grabstätte „wirklich viel, viel Geld“, sagen Erzieherin Lene Garus-Jochumsen und Fotokünstlerin Yvonne Guschke-Weinert. Sie haben eine andere Sicht auf die Friedhofsgebühren als nur die auf Einnahmepositionen und auf Kosten. Sie kennen die Schicksale, die Hintergründe: Diese Eltern hätten ihr Wichtigstes – ihr Kind – verloren. In dieser Zeit seien sie kaum bei Sinnen, und es dauere sehr, sehr lange, diesen Schicksalsschlag überhaupt jemals zu verarbeiten. Lene Garus-Jochumsen und Yvonne Guschke-Weinert kümmern sich um verwaiste Eltern, deren Kind vor, während, nach der Geburt oder später gestorben ist. Sie sind verantwortlich für den Gesprächskreis „Sternenkinder“, der an jedem ersten Montag um 19 Uhr im EinKiFaBü am Einbecker Hallenplan stattfindet.  

Die beiden Frauen wissen jedoch auch aus eigener Erfahrung, was Menschen, die ihr eigenes Kind überleben, durchmachen. Dementsprechend aufgebracht sind sie über den „Kracher“ an Gebührenerhöhung, der auch Kindergräber mit einschließt: Ein Kinderreihengrab kostete in Einbeck bisher 530 Euro. Sollte der Rat dem Votum des Fachausschusses in der nächsten Woche folgen, wird es künftig 1125 Euro kosten. Hinzu kommen die Kosten für Bestattung, Kapelle... „In der Lebensphase, in der man ein Kind erwartet, gerade das Kinderzimmer eingerichtet und die Erstausstattung angeschafft hat, man noch voller Euphorie dem neuen spannenden Lebensabschnitt entgegenfiebert, macht sich keiner Gedanken darüber, dass er sein Kind womöglich kurz nach der Geburt beerdigen und man spontan ‘mal eben drei bis 4000 Euro für eine Beerdigung aufbringen muss.“ Wer sein totes Kind in seiner Nähe behalten wolle, müsse sich das Geld zusammenleihen oder verschulden. „In dieser Phase ist man ja noch ganz am Anfang seines Berufslebens.“ 

Für betroffene Eltern wünschen sie sich – wenn schon – eine „Anhebung mit Fingerspitzengefühl, mit mehr Pietät“ und dem Blick auf die Hintergründe, nicht nur auf Einnahmen. Auch sollten die Gebühren nicht auf einen Schlag, sondern in Raten bezahlt werden können. Tatsächlich gibt es auch keine Möglichkeit, die Kindergrabstätte zu verlängern: Nach 20 Jahren wird sie rigoros entfernt. „Das ist für verwaiste Eltern eine private Katastrophe“, sagt Lene Garus-Jochumsen. Das Grab ihrer Tochter würde demzufolge in acht Jahren dem Erdboden gleich gemacht. Dann ist sie gerade mal 48. Und wird keinen Ort mehr für ihre Trauer haben. Keinen Ort mehr, an dem sie sich ihrem Kind, das sie kurz nach der Geburt verlor, noch nahe zu sein.

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