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Die Hoffnung nie aufgeben!

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Seit November ist die Notunterkunft in Dassel in Betrieb. Kay Malchow ist Geschäftsführer des Unterkunfts-Betreibers, des DRK-Kreisverbandes Einbeck.

EINBECK – Mitte November ging in der ehemaligen Rainald-von-Dassel-Schule in Dassel die Notunterkunft für Flüchtlinge in Betrieb. Im Auftrag des Landkreises Northeim, den ein entsprechendes Amtshilfeersuchen des Innenministeriums ereilt hatte, hat der DRK-Kreisverband Einbeck als Betreiber die Federführung übernommen. Die EULE sprach mit Kreisgeschäftsführer Kay Malchow über die Situation der Flüchtlinge in der Notunterkunft in der Hermannstraße.

Wie viele Flüchtlinge sind aktuell in der Notunterkunft untergebracht?

Malchow: Derzeit sind es mit Stand vom 28. Dezember 172 Menschen, die in der Notunterkunft untergebracht sind. Am Montag kamen gerade 50 Menschen aus Afghanistan. Wir haben auch die Situation, dass wir bereits Personen aus fremden Unterkünften aufgenommen haben.

Warum?

Malchow: Sei es, weil die Zuweisung falsch erfolgte, weil die Landesaufnahmebehörden nicht unbedingt sofort erkennen können, ob die Flüchtlinge ihrem Einzugsbereich richtig zugewiesen wurden oder aber, dass es bei der Einzelunterbringungen vielleicht Probleme wie Familienzwistigkeiten gab. Momentan haben wir bei uns eine siebenköpfige Familie aus einer anderen Stadt, die so lange bleiben kann, bis für sie eine Lösung im eigentlichen Zuweisungsbereich gefunden worden ist.

Werden die Flüchtlinge bei Ihnen registriert?

Malchow: Die Registrierung erfolgt über das ehemalige Grenzdurchgangslager in Friedland. Unser Wunsch war es ursprünglich, dass seitens der Landesaufnahmebehörde die Zusammenlegung der Registrierung vorgenommen wird.Unserem Wunsch wurde leider nicht entsprochen. Das bedauern wir sehr. Dabei hatte uns Dassels Bürgermeister Gerhard Melching bereits Unterstützung mit einem Büro im Rathaus zugesichert. Er war sofort bereit, uns zu helfen. Im Idealfall hätten dann hier LAB-Mitarbeiter für das CVJM-Heim (offizielle Außenstelle des Grenzdurchgangslagers Friedland) und die Notunterkunft in der ehemaligen Rainald-von-Dassel-Schule zentral registriert. Aber das liegt offenbar außerhalb dessen, was wir beeinflussen können.

In welchem Gesundheitszu- stand befinden sich die Flüchtlinge, die hier in Dassel Aufnahme finden?

Malchow: Es ist in der Tat so, dass die Menschen, die während des Winters zu uns kommen, vermehrt unter Krankheiten leiden. Dabei handelt es jedoch nicht um besonders auffällige Erkrankungen, sondern vielmehr witterungsbedingt um ganz typische Erkältungen bis hin zu Blasenentzündungen. Einen Grippefall hatten wir noch nicht. Sowohl im CVJM-Haus als auch in unserer Einrichtung werden Grippeschutzimpfungen auf freiwilliger Basis angeboten – sie sind bislang auf ein positives Echo getroffen. Ein Verdacht auf Masern hat sich nicht bestätigt. Etwas anders ist es bei der Traumatisierung der Flüchtlinge. Sie alle berichten mehr oder weniger über schlimme Erfahrungen.

In welchem Verhältnis steht die Anzahl von zugereisten Einzelpersonen zu Fami- lien?

Malchow: Wir haben eine sehr schöne Mischung. 30 bis 40 Prozent sind Einzelpersonen, der Rest Familien, wobei auch allein reisende Frauen mit Kindern als Familien zählen. Frauen und Kinder sind gemeinsam, aber separat von den Männern, untergebracht. Das funktioniert zum Glück aufgrund der guten räumlichen Voraussetzungen sehr gut. Anfängliche Bedenken waren schnell zerstreut: Alle verhalten sich sehr anständig.

Wie reagiert das direkte Umfeld auf die Notunter-       kunft?

Malchow: Hier gab es von Anfang an sehr gute Beziehungen zum Umfeld. In Dassel sind ja schon seit langem viele engagierte Freiwillige in der ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuung aktiv. Ich finde es auch schön, dass unsere Bewohner die Menschen auf der Straße freundlich begrüßen. Diese Geste trifft auf eine sehr positive Resonanz. Das zeigen mir die Rückmeldungen immer wieder. Und mit dieser Geste setzen die Flüchtlingen ja auch ein Zeichen, dass sie unsere Kultur anerkennen.

Sehen Sie Gefahren für die Bewohner der Notunter- künfte?

Malchow: Die Ängste der Bewohner haben sich zum Glück nicht bewahrheitet. Die von der Polizei aufgrund möglicher Anschlagsgefahr empfohlene ständige Beleuchtung der Außenanlagen haben wir nach gemeinsamer Absprache nun auf Bewegungsmelder umgestellt. Wir haben regelmäßige Begehungen mit der Polizei. Nach ihrer Einschätzung liegt keine Bedrohungssituation vor. Auch, was die Kriminalität angeht, hat die sie bis heute keinerlei Ereignisse festgestellt. In den beiden Häusern in Dassel ist es unerwartet ruhig. In Ballungszentren mag es eher kritisch sein.

Die Flüchtlinge bleiben befristet in Dassel. Welche Integrationsarbeit leisten Sie?

Malchow: Wir klären auf, dass Frauen hier andere Rechte haben als beispielsweise in den Herkunftsländern, dass häusliche Gewalt gegen sie eine Straftat ist und Konsequenzen nach sich zieht. Männer werden hier wie die Frauen zum Putzen herangezogen. Das mussten die Männer erst lernen, mittlerweile ist es für sie eine selbstverständliche Angelegenheit. Es ist gut zu erkennen, dass sie sich der veränderten Kultur relativ schnell geöffnet haben. Das Ehepaar Brandes bietet Sprachkurse – getrennt nach Analphabeten und Fortgeschrittenen – an; hier hat sich zudem die Trennung nach Männern und Frauen sehr bewährt, wobei die Akademiker aufgrund ihrer Englischkenntnisse einen besseren Lernfortschritt erzielen. Wir gehen davon aus, dass sie alle – auf einem niedrigen Niveau – eine solide Grundlage erhalten.

Bei Notunterkünften wie der des DRK-Kreisverbandes ist die Rede von einer „mittle- ren Verweildauer“.

Malchow: Ja. Das bedeutet, dass die Flüchtlinge zwischen vier und sechs Wochen bei uns bleiben. So jedenfalls lautet die Vorgabe des Innenministeriums. Ich glaube aber, dass sich das noch verändern wird, mit der Tendenz zu bis zu drei Monaten. Das Ministerium handelt situationsbedingt. Wir müssen uns einfach darauf einstellen, was kommt.

In diesem Jahr soll die Einzelunterbringung neu strukturiert werden.

Malchow:  Unser Traum ist es, die Menschen bis zur Einzelunterbringung zu begleiten, damit das zarte Pflänzchen in vertrauterem Umfeld mit Hilfe von Sozialarbeit weiter gedeihen kann.

Welchen guten Wunsch möchten Sie persönlich den Flüchtlingen mit auf den Weg geben?

Malchow: Gerne möchte ich allen Bürgern und Asylbewerbern gleichermaßen weiter Mut zusprechen, sich der in dieser Form neu entstandenen Situation weiter so wohlwollend und positiv zu stellen. Niemand muss in unserer Gesellschaft benachteiligt oder vergessen werden. Sich offen in eine neue Umgebung zu begeben und Hilfe anzunehmen, ist gleichermaßen schwierig. Auch das Kennenlernen neuer Kulturen ist für alle Beteiligten eine große Herausforderung. Doch es ist wichtig, niemals die Hoffnung zu verlieren und mit Zuversicht das Positive der deutschen Kultur anzunehmen und daraus erfolgreich etwas Neues zu gestalten; das kann nach meiner Meinung das erstrebenswerte Ziel sein. Dann steht dem persönlichen Erfolg in der Fremde nichts entgegen! Außerdem möchte ich mich persönlich bei den Flüchtlingen für die Bereicherung und Erfahrungen, die ich durch den Umgang mit ihnen sammeln durfte, bedanken!

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