„Woche der Diakonie“ mit Zusammenkunft in der Alten Synagoge 

Das Gemeinwesen als Vorbilder mitgestalten 

Ulrike Single vom Diakonischen Werk Hannover, Kulturdolmetscherin Mayssam Freitag von Einbecks „Neuen Nachbarn“, Michael Büchting als Kuratoriumsleiter der Diakoniestiftung „Nächstenliebe“, Kerstin Voß vom Arbeitskreis Christlicher Sozialarbeit, Krankenhaus-Seelsorgerin Susanne Hornung, Ute Räbiger von der Schuldnerberatung Einbeck, Joachim Voges vom Arbeitskreis Christlicher Sozialarbeit, Pastorin Mingo Albrecht, Suchtberater Stefan Jagonak vom Lukas-Werk und Kirchenkreissozialarbeiter Marco Spindler
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Mitgestalten: Zur Woche der Diakonie verständigten sich (v.l.) Referentin Ulrike Single vom Diakonischen Werk Hannover, Kulturdolmetscherin Mayssam Freitag von Einbecks „Neuen Nachbarn“, Michael Büchting als Kuratoriumsleiter der Diakoniestiftung „Nächstenliebe“, Kerstin Voß vom Arbeitskreis Christlicher Sozialarbeit, Krankenhaus-Seelsorgerin Susanne Hornung, Ute Räbiger von der Schuldnerberatung Einbeck, Joachim Voges vom Arbeitskreis Christlicher Sozialarbeit, Pastorin Mingo Albrecht, Suchtberater Stefan Jagonak vom Lukas-Werk und Kirchenkreissozialarbeiter Marco Spindler in der Alten Synagoge in der Baustraße.

Einbeck – Seicht weht die milde Abendluft durch die Fenster der Alten Synagoge. Die Türen stehen weit offen in der neuen Begegnungsstätte an der Baustraße, als sich zehn in der Diakonie tätige Menschen unter der symbolträchtigen Deckenleuchte an einen Tisch setzen. Zur Woche der Diakonie wollen sie einander besser kennen lernen und verstehen, was ihren Dienst an Hilfsbedürftigen ausmacht, wie sie vernetzt sind und welche Schwerpunkte jeweils angegangen werden. 

Alle Beratenden berichten davon, wie vielfältig Kirche und Diakonische Einrichtungen im Mittelzentrum Einbeck wirken und so das Gemeinwesen mitgestalten. Die Diakonie sei wichtiger Baustein der hiesigen Daseinsfürsorge. Außerdem dienten die Beratenden als Vorbilder und Meinungsmultiplikatoren, betont Moderatorin Ulrike Single, Referentin für Diakoniepolitik und Europa beim Diakonischen Werk Hannover.

„Nächstenliebe verbindet“, weiß Joachim Voges vom Arbeitskreis Christlicher Sozialarbeit (ACS). Durch umfassende Vernetzung mit anderen Beratenden „kann jeder sein Paket erleichtern, ohne sich zu verstricken“. Mitgestaltung, meint Pastorin Mingo Albrecht, berühre die Bereitschaft und Hinwendung, um „in dieser Welt zu wirken“. Das gelte auch für Kinder und Jugendliche, denen zu oft mangelnder Gemeinschaftswillen unterstellt werde. „Aber alle Kinder haben großen Gestaltungswillen und sind kreativ, äußerst kreativ“, unterstreicht die Geistliche, die Kinder stark machen will. Für sie sei das Mitgestalten gerade in der andauernden Corona-Lage wichtig. „Viele haben Ohnmachtsgefühle, es gibt aber auch viel Kreativität und Reflektion über das, was die Gemeinschaft braucht.“ Dazu sollten neue Wirkungskreise eröffnet und geeignete Räume geschaffen werden, „das brauchen die Jugendlichen“. Probleme gebe es zudem am anderen Ende der bürgerlichen Altersspanne: Die Situation in der Pflege „ist eine dauerhafte Katastrophe“.

Seit 2017 wirkt Mayssam Freitag beim Diakonischen Werk mit und hilft „Neuen Nachbarn“ am Steinwege. „Zu uns kommen alle“ zugewiesenen Flüchtlinge, „und wir schicken sie weiter“ zu den jeweils empfohlenen Beratungs- und Hilfsstellen, sagt die Kulturdolmetscherin und beschreibt Theaterprojekte mit dem Einbecker Ensemble „Stille Hunde“, konzertierte Integrationsanstrengungen, Deutschkurse auch in Zusammenwirken mit dem Einbecker Kinder- und Familienbündnis, Basteleien oder Fahrradreparaturkurse etwa in Kreiensen. Wegen der Pandemie sei zuletzt zu vieles ausgefallen.

Kuratoriumsleiter Michael Büchting umreißt die Grundlagen der Diakoniestiftung „Nächstenliebe“, wie sie seit 2012 für drei lutherische Gemeinden und Diakonieeinrichtungen im Leine-Solling-Kirchenkreis aufgestellt ist. Soforthilfen machten die hauptsächliche Stiftungsarbeit aus. Nach Aufbau des Besuchsdienstes nach Vorbild des Markoldendorfer EMMA-Projekts habe sich die Stiftung seit 2014 mit den dramatischen Folgen des Syrien-Krieges befasst, Drittmittel eingeworben und das Projekt „Neue Nachbarn“ für inzwischen über 900 Geflüchtete gestartet. Erfreulicherweise habe der Stadtrat 2015 eine volle Personalstelle finanziert und beim Diakonischen Werk angesiedelt.

Als Geschäftsführer der Stiftung freut sich Marco Spindler über die zielführende Stiftungsarbeit. „Nächstenliebe“ habe vieles auf den Weg gebracht für Menschen in akuten Krisen, etwa nach dem Verlust von Partner oder Nachwuchs. „Wir schauen systemisch, wie die beste Hilfe möglich wird“ für Menschen in Not. „Wenn ich den Bedarf erkenne, werden Projekte initiiert, und dabei hilft die Stiftung. Es ist ein großer Schatz, was ich hier gestalten kann“, sagt Spindler.

ACS-Finanzverwalterin Kerstin Voß, hauptberuflich Oberschuldirektorin in Dassel, zeigt sich beim Synagogentreffen fasziniert von der Arbeit mit Kindern. Als Träger betreibe der ACS zwei Kindergärten mit drei Gruppen sowie eine Krippengruppe. Aktuelle Herausforderung bildet für die Pädagogin die Ganztagsbetreuung an den Grundschulen. Mit Gartengesprächen und Online-Telefonie, erzählt Krankenhaus-Seelsorgerin Susanne Hornung, sei der Besuchsdienst „Gemeinsam“ halbwegs durch die Corona-Lage gekommen. Per Grußkarten hätten die Klienten sichtbar erfahren, dass andere Menschen an sie denken.
„Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt“, unterstreicht auch Ute Räbiger von der Schuldnerberatung. Neben Informationen und Tipps „regeln wir finanztechnische Dinge“ für Menschen in Geldnot. „Wenn Schulden da sind, kommen meist noch mehr Probleme dazu“, weiß die langjährige Beraterin und vermittelt Klienten durchaus weiter. Berufliche Teilhabe, die dafür nötige Arbeitsfähigkeit und vorbeugende Präventionsprojekte etwa mit der Polizei stehen im Mittelpunkt bei Suchtberater Stefan Jagonak vom Lukas-Werk in Einbeck. Neben konkreter Suchtberatung werden Therapieplätze für Entzugsbehandlungen vermittelt. „Prävention ist nichts für Einzelkämpfer“, unterstreicht Jagonak und lobt das motivierende Netzwerken: „Wir brauchen eine ganzheitliche Betrachtung.“ Besonders treibe ihn an, bei Klienten Veränderungen zu erreichen. „Flexibilität hält einen ja auch frisch.“

Referentin Ulrike Single begrüßt die wachsende Vernetzung der Beratenden. Ziel bleibe, „diakonische Impulse auch in den politischen Raum zu tragen“. Dabei ergebe sich ein Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Spindler räumt ein, dass in den letzten 15 Jahren auch eine gewisse „Projektitis“ um sich greife. Entsprechend groß seien die Anforderungen, nötige Projekte zu verstetigen und dauerhaft zu finanzieren, wenn Fördermittel auslaufen.

Zwar sei „bitter, wenn nach drei Jahren Schluss ist, aber dann waren ja auch schon drei Jahre gut“, meint Voges. Gerade bei den Personalkosten seien nachhaltige Strukturen nötig, ergänzt Jagonak. Für das Präventionsprojekt „HALT – Hart am Limit“ habe der Landkreis Northeim deshalb auf die dauerhafte Finanzhilfe umgestellt. „Anfangen lohnt sich immer!“ cmf

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