Abschied in Dankbarkeit

1912 gebaut, dient das Haus Solling als Heim für junge Männer, streunende Jugend, Kriegsversehrte, Pfadfinder und Wandervögel, als Lazarett und für erschöpfte Stadtkinder im 1. Weltkrieg. Von 1940 bis 1945 wird das Gelände von den Nationalsozialisten für SS-Angehörige beschlagnahmt. Sowjetische, polnische und französische Zwangsarbeiter werden bis 1948 untergebracht. 1957 übernehmen die Evangelischen Jungmännerbünde. Ab 1970 heißt das Erholungsheim Haus Solling und gehört ab 1976 dem CVJM Deutschland. Bis November 2017 gab es Umbauten und Erneuerungen. Trinkwasserquelle, Abwasserreinigung und Brandschutzauflagen diktierten weitere Nachrüstungen.

DASSEL Noch dringt fahles Licht durch die Wolkendecke über dem alten Erholungsheim. Langsam senkt sich die Dämmerung über das buntsandsteinerne Haus Solling, an dessen Glockenturm in großen Lettern JESUS steht. Nach der feierlichen Entwidmung wird es ganz dunkel – Schluss, Aus, Ende in dem bislang größten der Gästehäuser, die der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) in Deutschland betreibt. Jetzt steht der Gebäudekomplex westlich von Dassel zum Verkauf und bietet 5.000 Quadratmeter Nutzfläche und 200.000 Quadratmeter-Grundstück.

Für die 23 Beschäftigten greift ein Sozialplan, während sich Hausleiter Gerald Stehrenberg mit allen freut, die bereits eine neue Anstellung gefunden haben. „Ich zittere mit allen, die jetzt Bewerbungsgespräche führen“, bekennt Stehrenberg, der fast 25 Jahre Chef im Haus Solling bleibt und auch zum Abschied nicht mit dem großen Klagen beginnen will. „Da sind wir schon durch“, sagt er und begrüßt lieber die Spitzenleute von Polizei und Feuerwehr, von Schulen und Dasseler Gewerbe, das von Axel Freund vertreten wird. Rar machen sich Politik und Verwaltung, der Beigeordnete Joachim Stünkel aber zeigt seine Verbundenheit zur Gästehaus-Belegschaft.

Gebaut wird das Erholungsheim 1912 und steht seither immer unter christlicher Leitung. Seit 1957 ist der CVJM Deutschland Träger des Hauses mit 90 Zimmern und 18 Tagungsräumen. Beherbergt werden nach dem Krieg gut 1,5 Millionen Menschen aus ganz unterschiedlichen Gästegruppen, darunter Familien, Lehrer, auch Schulklassen und Konfirmanden, dazu Polizei- und Zollbeamte. Kirchenvorstände tagen in der Sollinger Abgeschiedenheit. Große Chöre proben. Bei Tagungen und Seminaren tanken unzählige Gäste Kraft und Inspiration für den Alltag.

Gleichwohl habe es das Haus Solling immer schwer gehabt gegen die CVJM-Häuser auf Borkum oder in den Alpen. Daran ändert auch die Nachrüstung mit frischgefliesten Duschen auf allen Zimmern nichts. Dann wird das CVJM-Haus Ende 2015 zum „Haus des Willkommens“ – als Flüchtlingsunterkunft, die auch Präsident Jens Grote von der Landesaufnahmebehörde inspiziert und lobt.

In seinem Grußwort nennt Präses Karl-Heinz Stengel als Chef des CVJM Deutschland die Hintergründe für die vorübergehende Zweckerweiterung: „Der CVJM ist eine weltweite ökumenische Bewegung. Die nach Deutschland geflüchteten Menschen konnten uns als CVJM nicht egal sein. Im Sommer 2015 teilten wir dem Innenminister Niedersachsens unsere Bereitschaft mit, das Gästehaus im Solling zur Unterbringung geflüchteter Menschen bereitzustellen.“ So wurde das Haus Solling Außenstelle des Übergangsheimes Friedland.

Als dann die ersten Familien ankommen zum Gottesdienst im Großen Saal, „war alles liebevoll für die neuen Gäste vorbereitet. Sie wurden freundlich und herzlich willkommen geheißen“, berichtet Stengel. Doch schon nach einem halben Jahr steht das Haus wieder leer, weil die Flüchtlingszahlen drastisch zurückgehen. Andere Nutzungsformen werden noch mit dem Land verhandelt, jedoch ohne konkretes Ergebnis.

Weil die vorherigen Gästegruppen längst andere Unterkünfte besuchen, gibt es für den CVJM Deutschland keinen Weg zurück, erklärt Stengel: „Bei der CVJM-Vollversammlung wurde beschlossen, das Gästehaus im Solling nicht mehr weiterzuführen.“ Aus wirtschaftlichen Gründen, betont der Präses.

Zur feierlichen Entwidmung kommt die komplette Spitze des bundesdeutschen CVJM-Gesamtverbandes nach Dassel. Rainer Heid, Geschäftsführer des CVJM Deutschland, dankt allen Mitarbeitenden für ihr Engagement in den letzten Jahren: „Ich bin beeindruckt, wie Sie mit der Situation umgegangen sind. Ich danke Ihnen für Ihren Einsatz.“

Pfarrer Hansjörg Kopp, Generalsekretär des CVJM Deutschland, vollzieht hernach die förmliche Entwidmung als Gästehaus. Kopp macht deutlich, dass alles, was Menschen schafften, nicht ewig bestehen könne. Das Haus Solling sei für viele Menschen ein besonderer, ein heiliger Ort gewesen, weil sie hier in den vergangenen Jahren unfassbar Gutes erlebt hätten: „Das hat zwei Gründe: Zum einen war Gott immer mittendrin und ist es auch immer noch. Zum anderen liegt das an den Mitarbeitenden, die sich hier großartig engagiert haben.“

„Es ist ein Abschied, aber auch nichts anderes“, sagt Hausleiter Gerald Stehrenberg zur Entwidmung. Bis März ist der Discgolf-Parcours offen. Dank des rührigen Sollingvereins wird der Glaubenspfad rund um das Haus Solling erst einmal weiter gepflegt, bis die Verantwortung für die Schöpfungsschlenderstrecke nach Stadtoldenorf wechselt. Derweil bleibt die Suche nach neuen Eigentümern für Dassel spannend. Freude soll das Haus Solling auch künftig machen, „aber kein Freudenhaus“ werden. Cmf

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