Vor Gericht

Aus Verbrechen wurde Vergehen: Bewährungsstrafe

Amtsgericht Einbeck  Tür mit Schriftzug Amtsgericht
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Dass der Angeklagte unerlaubt Cannabis anpflanzte, fiel der Polizei im Zusammenhang mit dem Salinen-Brand auf. Sein Garten befand sich in unmittelbarer Nähe des Brandortes.

Einbeck - Wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln ist ein 23-Jähriger aus Einbeck vom Schöffengericht zu einer halbjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Richterin Sievert setzte die Strafe zu drei Jahren Bewährung aus. Außerdem muss der Einbecker 60 Stunden Sozialstunden leisten.

Das hätte allerdings auch ganz anders ausgehen können. Immerhin musste er sich eigentlich wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln in einer Menge verantworten, die das Gesetz als Straftat bewertet. Ausgerechnet dem Gutachten des Landeskriminalamtes hat er es jedoch zu verdanken, dass die Wirksamkeit der bei ihm sichergestellten 265,76 Gramm Cannabis-Blüten nicht für ein Verbrechen ausreichte. Die Qualität war dafür definitiv zu schlecht. Das nutzte die Verteidigung, für den jetzt zu dem Vergehen „unerlaubter Besitz von Betäubungsmitteln“ geschrumpften Vorwurf eine Geldstrafe für ihren „sehr kooperativen“ Mandanten zu fordern.

Der Angeklagte war tatsächlich kooperativ, voll geständig und vor allem glaubwürdig. Das Cannabis hatte er offenbar für den Eigenbedarf besessen – aus (nicht nur) für den Rechtsbeistand „nachvollziehbaren Grund“: Der Einbecker leidet an Cluster-Kopfschmerzen. Das hatte ihm „endlich“ auch ein Neurologe aus Göttingen bescheinigt, der ihn mit Sauerstoff versorgt. Selbst die MNS-Maske musste er aus diesem Grund nicht im Gerichtssaal tragen. Mit dem Cannabis habe er sein Wohlbefinden steigern, seine Gesundheit verbessern wollen, sagte er. Gleichzeitig legte der 23-Jährige Rechnungen über CBD-Tropfen als Beweis vor, dass er sich auch anderweitig bemüht habe, an entsprechende Produkte zu gelangen, jedoch dafür „einen dreistelligen Betrag“ bezahlen musste. Das habe sein Budget bei weitem überstiegen, sagte der geringfügig beschäftigte Helfer eines Gartenbaubetriebs, der seinen Hauptschulabschluss nachgeholt hat und gerade darauf hofft, seine Arbeitsstunden auf zehn aufstocken zu können.

Selbst die Anklage konnte die gesundheitlichen Motive des Angeklagten nachvollziehen, erkannte sein Geständnis und die positive Sozialprognose an, mochte es jedoch nicht bei einer Geldstrafe bewenden lassen. Der 23-Jährige war immerhin mehrfach einschlägig in Erscheinung getreten. Weil allerdings bis jetzt noch kein Freiheitsentzug nötig war, plädierte sie auf eine zur Bewährung ausgesetzte halbjährliche Freiheitsstrafe.

Richterin Sievert folgte der Anklagevertretung: Dennoch bescheinigte sie dem Einbecker, einen „äußerst guten Eindruck“ hinterlassen zu haben. Sie müsse ehrlich eingestehen, dass es selten Angeklagte gäbe, die ihre Tat so detailliert und ausführlich schilderten. Auch seine Motive für den Anbau habe er dem Gericht glaubhaft dargelegt. Sie riet dem 23-Jährigen zu einer Ausbildung: „Um Ihrem Leben eine Chance zu geben.“  

Dass er Cannabis angebaut hatte, war Ermittlern übrigens im August im Zusammenhang mit dem Salinen-Brand in Salzderhelden aufgefallen. Seine von der Stadt gepachtete Gartenparzelle mit dem Gewächshaus befand sich in unmittelbarer Nähe. con

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