Der letzte Bollerwagen

Aus dem öffentlichen Verkehr weitgehend verschwunden

Drei Männer und ein Handwagen
+
Die Ortsheimatpfleger von Neuhaus und Fohlenplacken, Klaus Dannenberg (l.) und Heinrich Hugo Noack freuen sich, dass ihnen Jörg Bertram (an der Zugkette) den Wagen zur Ausstellung im Neuhäuser Haus des Gastes überlassen hat, sobald dies corona-bedingt wieder möglich ist.

Region/Solling - Der Enkel des letzten Holzmindener Stellmachers, Jörg Bertram, hat nach Jahrzehnten ein im hintersten Bereich seines Geräteschuppens abgestellten Handwagen wieder ans Tageslicht geholt. Der Erhaltungszustand des kaum genutzten Wagens ist ausgezeichnet. Aus Gesprächen mit seinen Vorfahren weiß Jörg Bertram, dass sein Großvater den Wagen auf Wunsch seines Sohnes kurz vor der Betriebsschließung im Jahre 1960 gefertigt hat. Es war der letzte dieser Art aus Holzminden.

Die technischen Daten: Mit ausgeklappter Deichsel bringt es der Handwagen aus Fichte und Buche auf eine Länge von 3,30 Metern (bei hochgeklappter Deichsel sind es zwei Meter. Seine Breite misst 92 Zentimeter.
An der Deichsel befinden sich Spannhaken zur Anbringung einer Zugkette mit Ledergurt für den Wagenführer. Die vordere Achse ist beweglich gelagert. Auch kann der Wagen durch einen Umbau mit einem Langbaum verlängert werden, z.B. zum Holztransport. Die Räder sind als Holzspeichenkonstruktion mit Eisenbeschlag ausgelegt. Das Befahren gepflasterter Straßen verursacht polternde Geräusche: das „Bollern“.

Daher stammt auch die Bezeichnung „Bollerwagen“, die sich bis heute für die kleineren, gummibereiften Spiel- und Freizeitgefährte erhalten hat. Über die Deichsel und Vorderachse konnte der Wagen durch eine Klotzbremse abgebremst bzw. festgestellt werden. Holz und Schmiedeisen waren bis in die 1950er Jahre bei der Herstellung von Arbeitsgeräten und Wagen, Haus- Hof- und Forstwirtschaft die wichtigsten Werkstoffe. In fast jedem Dorf fanden sich eine Stellmacher und ein Schmied. So wurden die Wagen eines Stellmachers vom Schmied mit den notwendigen Eisenbeschlägen komplettiert.

Heute sind diese Transportmittel aus dem öffentlichen Verkehr weitgehend verschwunden, aber nicht gänzlich: Man findet sie noch in autofreien Bereichen (ostfriesische Inseln) oder bei Vatertags- und Maitouren sowie historischen Umzügen, dann aber meist mit Gummibereifung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare