Top-Arten in Einbeck nachgewiesen: Märchenwald von nationaler Bedeutung

Arten-Fund im Märchenwald „einzigartig für Deutschland“

Schlupfwespe „Ophion paraparvulus“
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Schlupfwespe „Ophion paraparvulus“: Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen handelt es sich bei dem Fund in der Einbecker Märchenwald-Erweiterungsfläche um den ersten Nachweis in Deutschland überhaupt.

Einbeck –  Für den Märchenwald, für Niedersachsen, aber auch für ganz Deutschland ist es eine Sensation: Wissenschaftler haben jetzt erstmals die Schlupfwespe „Ophion paraparvulus“ in der Einbecker Märchenwald-Erweiterungsfläche nachgewiesen. Es handelt sich um den deutschlandweit ersten Fund dieser Art überhaupt.

Die Schlupfwespe wurde erst kürzlich – am 19. Juni – gefunden. Seitdem hatte sich der Biologe Dr. Reiner Theunert um die exakte Bestimmung gekümmert und dazu auch schwedische Kollegen hinzugezogen. Es handelt sich nach Angaben des Einbecker Waldökologen Henning Städtler um die völlig neue Art Ophion paraparvulus Johansson, 2019. Die Erstbeschreibung beruht auf 20 in Schweden, Estland und Norwegen gefangenen Weibchen.

Biologe Theunert: „Als Wissenschaftler muss man sich seiner Sache total sicher sein - und bei der Beschreibung einer neuen Art erst recht. Einziger Fundort in Deutschland bedeutet erst einmal, dass das Gebiet von nationaler Bedeutung ist und in Verbindung mit dem Märchenwald erst recht“, betont der Biologe. Über die Erweiterung des Märchenwaldes soll der Einbecker Stadtrat am 22. September entscheiden. Der Verwaltungsausschuss hat die Erweiterung allerdings abgelehnt. Insofern dürfte der neue Fund noch einmal Bewegung in die Entscheidungsfindung bringen, hoffen die Experten.

Denn welche Auswirkungen hätten forstwirtschaftliche Maßnahmen auf diese einzigartige Art, die in Deutschland bisher nur in Einbeck nachgewiesen wurde? Wo weltweit, auch in Deutschland, viele Arten vom Aussterben bedroht sind, spiegele dieser Nachweis die „große Bedeutung dieser potenziellen Erweiterungs-Waldfläche wider“, erklärt Waldökologe Städtler.  Im Zuge der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (2007) der Bundesregierung sollten bis zum Jahr 2020 zehn Prozent der Waldflächen, die sich in öffentlicher Hand befinden, aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen werden. Mit einer schlussendlich diskutierten kleineren Kompromiss-Erweiterung (ca. 15 Hektar) würde die Stadt Einbeck dieses Ziel fast erreichen können.

Der Ahorn-Lappenspanner: Ein faunistischer Leckerbissen im Herbstwald

Der Ahorn-Lappenspanner steht auf der Roten Liste. Im mittleren Niedersachsen wurden bisher nur Einzelfunde beschrieben. Am 14. September wurden sieben der bedrohten Nachtfalter am Schwarzlicht-Turm in Einbeck gesichtet. Der Märchenwald plus Erweiterungsfläche gilt damit niedersachsenweit als das an Individuen reichste Gebiet dieser Falter-Art.

Eine weitere Überraschung meldet Städtler vom 14. September: Dr. Theunert habe bei seinen nächtlichen Beobachtungen im Bereich der Märchenwald-Erweiterungsfläche einen weiteren für Niedersachsen wichtigen Arten-Nachweis erbringen können: „Am Schwarzlicht-Turm flog ein vom Aussterben bedrohter Nachtfalter an. Im Laufe der Nacht kamen weitere sechs Exemplare hinzu. Es handelt sich um den ‚Ahorn-Lappenspanner‘ (Nothocasis sertata).“ Ulrich Lobenstein, der Autor der Roten Liste Großschmetterlinge, äußere sich dahingehend in seiner „Schmetterlingsfauna des mittleren Niedersachsen“, dass der Falter bis an den Solling und den Harz heranreicht. Er spricht dort allerdings nur von Einzelfunden. Städtler: „Damit ist der Märchenwald plus Erweiterungsfläche wohl das an Individuen reichste Gebiet für diese Falter-Art in Niedersachsen.“ Die Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen (Schmetterlingskundler) e. V. spricht in der Fachzeitschrift Melanargia von diesem Nachtfalter als einem „faunistischen Leckerbissen im Herbstwald“.

Wie der Name sage, sind besonders Ahornbäume Voraussetzung für dieses Vorkommen. Im Märchenwald und in der Erweiterungsfläche gibt es genug alte Bergahorn-Bäume. Die Flugzeit des Ahorn-Lappenspanners erstreckt sich von Ende August bis Mitte November, somit gilt dieser Nachtfalter als Spät-Flieger. Besonders frisches feuchtes Klima an kühlen Nordhängen auf Kalk wird als Lebensraum bevorzugt, damit wäre die zur Erweiterung des Märchenwaldes ausgewählte Fläche nach Meinung der Experten „also genau passend“. In der Literatur werde fast überall nur von punktuellen Funden gesprochen. „Wenn man unter den Schlucht- und Hangmischwäldern z.B. in den Lebensraumsteckbrief von Rheinland-Pfalz schaut, findet man unter typischen Schmetterlingen den Ulmenzipfelfalter (Märchenwald) und den Ahorn-Lappenspanner (beide RL1). Man muss davon ausgehen, dass die Erweiterungsfläche letztendlich ähnlich bedeutsam für die Insekten-Fauna wie der Märchenwald selbst ist.“

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