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Für Sammler und Jäger der Steinzeit war der Solling sehr attraktiv 

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Grabungsleiterin Madison McCartin, Freya Riedel, Katharina Riemer, Elena Moos, Jeremy Perez, Grabungsleiter Gabriele Russo.
Das Grabungsteam (v.l.): Grabungsleiterin Madison McCartin, Freya Riedel, Katharina Riemer, Elena Moos, Jeremy Perez und Grabungsleiter Gabriele Russo. © Universität Tübingen

Abbecke / Region – Die archäologische Ausgrabung bei Abbecke im Solling ist nach zwei Wochen zu Ende gegangen. Die Universität Tübingen und das Senckenberg Center for Human Evolution and Paleoenvironment hatten dort in enger Kooperation mit der Northeimer Kreisarchäologie eine kleine archäologische Grabungskampagne.

Die Ergebnisse sind ausgezeichnet und fast alle Ziele konnten erreicht werden. Zur Methodik der Untersuchungen: Im ersten Schritt wurden die einzelnen Oberflächenfunde (Steinartefakte) genau eingemessen, um einen ersten Eindruck über die Dichte und Häufigkeit derselben zu gewinnen. In einem zweiten Schritt wurden über zehn Grabungsschnitte von jeweils einem Quadratmeter Fläche und von bis zu 90 cm Tiefe angelegt sowie einzelne kleine Sedimentbohrungen von bis zu ca. 80 Zentimetern Tiefe durchgeführt. Dadurch konnten wichtige Informationen über die Beschaffenheit des Untergrundes gewonnen werden. Anhand dieser Erkenntnisse entstehen bereits erste Hypothesen über die Prozesse, die vor und nach dem Aufsuchen dieser Plätze durch Menschen hier stattgefunden haben. Die Arbeitshypothese, dass die Steinartefakte von Sammlern und Jägern am Ende der letzten Eiszeit bzw. am Beginn unserer Warmzeit (Holozän), also vor ca. 13.000 bis ca. 10.000 Jahren hinterlassen wurden, konnte mit den zahlreichen geborgenen Funden und Daten unterstützt werden.

Nach der Ausgrabung - die zwar ein essentieller Teil der archäologischen Arbeit ist -, werden die Funde jetzt gewaschen, katalogisiert und untersucht. Parallel dazu findet auch die spannende Forschung in den Bibliotheken und im Internet statt. Es wird nach vergleichbaren Fundstellen, Artefakten und Rohmaterialien gesucht, um dieser Fundstelle ihren angemessenen Platz im Rahmen des Jungpaläolithikums (jüngere Altsteinzeit) und des Mesolithikums (mittlere Steinzeit) zu geben.

Ein Fund aus der diesjährigen Kampagne verdient besondere Erwähnung. Es handelt sich um einen Retuscheur aus Tonschiefer mit einer gebrochenen Öse, der als Werkzeug zur Steinbearbeitung diente. Aufgrund der vorhandenen Öse war zunächst eine Interpretation als Schmuckstück naheliegend, doch zeigen die viele Schlagnarben und die Bereiche mit Abriebspuren, dass es sich hier um ein Werkzeug gehandelt haben muss. Vorstellbar ist, dass der Retuscheur mittels eines Lederriemens an der Kleidung befestigt oder um den Hals getragen wurde. Vergleichbar mit einem heutigen Schlüssel, Flaschenöffner oder Taschenmesser. Eine gewisse Wertigkeit des Stückes und auch eine ästhetische Funktion sind wahrscheinlich.

Was dank der Arbeit des Heimatforschers Reinhard Leibecke bereits vor der Ausgrabung klar war, ist, dass die östliche Flanke des Sollings für Sammler und Jäger in der Steinzeit sehr attraktiv gewesen ist. Nur dadurch lassen sich die über 30 Fundstellen dieser Art in dieser Region erklären. Die Fließgewässer haben sich zum Teil tief in den Buntsandstein eingeschnitten. Der Fluss Ilme, nur 500 m von der im September untersuchten Fundstelle entfernt, hat ein enges, 50 Meter tiefes Tal erschaffen. Auch der Abbecker-Bach fließt in einem immer noch ca. 25 Meter tiefen Tal. Weiter nördlich, in Abstand von wenigen hundert Metern, fließen parallel zueinander Richtung Osten, die Bäche Friedrichshäuser, Repke, Pferdekampfwasser und Schlingen, dessen Betten mehrere Meter tiefer als die Umgebung liegen. Das ist nicht nur eine Landschaft, in der man entspannt spazieren gehen kann, sondern diese bot bereits den steinzeitlichen Jägern aufgrund der topographischen Gegebenheiten, optimale Voraussetzungen für die Jagd auf Großsäuger. Noch heute stehen viele kleine Hochsitze von Jägern an günstigen Stellen in dieser Tradition.

Hinsichtlich der neu erfassten Funde und dank der Analyse der Sedimente, der Geologie und der lokalen Topographie, zeigte es sich, dass das archäologische Potential an dieser Stelle vielversprechend ist. Die Universität Tübingen und das Senckenberg Center for Human Evolution and Paleoenvironment planen daher, auch nächstes Jahr hier im Landkreis Northeim tätig zu sein.

Besonders gefreut hat sich die internationale Grabungsmannschaft - neben dem fantastischen Wetter- über die vielfältige die logistische Unterstützung. Hier sind insbesondere der Grundstückseigentümer Holger Schwerdtfeger und der Ortsbürgermeister von Sievershausen, Günther Kelter, zu nennen. Das rege Interesse von Landrätin Astrid Klinkert-Kittel, vieler Bürger*innen aus dem Raum Dassel und auch Urlaubern, waren für die Archäologen ebenfalls eine starke Bestätigung.

Viele Wissenschaftler*innen u.a. vom UNESCO Global GeoPark Harz – Braunschweiger Land – Ostfalen, vom Nds. Landesamt für Denkmalpflege Hannover und von der Stadtarchäologie Einbeck sowie Fachkollegen aus Göttingen, Hannover und Stuttgart, haben die Fundstelle in den letzten zwei Wochen besucht. Sie alle haben mit ihrer wissenschaftlichen Expertise das Vorhaben ebenfalls unterstützt. Schließlich ist Wissenschaft immer am erfolgreichsten, wenn man transparent im Team arbeitet. Denn dadurch „schafft“ man mehr Wissen. lpd

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