Jerzer Tipp-Kick-Spieler sind in die Bundesliga aufgestiegen

Wieder zurück im Oberhaus

Christoph Ihme und Marcel Kreuzweiß kennen durch ihre lange Spielpraxis viele Tricks, um den Gegner in die Knie zu zwingen. Beide freuen sich auf die hoffentlich lange Zeit in der Bundesliga.

JERZE Der Tipp-Kick-Verein Jerze ist zurück in der Bundesliga. Vor zehn Jahren waren die Jerzer auch schon mal im Oberhaus vertreten, doch damals lief es nicht so gut. Nach nur einer Saison ging es wieder abwärts. Das ist Geschichte. Die Tipp-Kicker sind aber guter Dinge, die Klasse halten zu können. „Wir müssen nur gegen die richtigen Teams, die ebenfalls auf den Klassenerhalt hoffen, gewinnen“, meint Spieler Christoph Ihme.

In der Regel spielen vier Mannschaften in der Liga ganz oben um den Titel, die übrigen mühen sich darum, nicht abzusteigen. Los geht es am 27. September in Hannover. Drei Teams sind dann dort zu Gast. „Bei den gemeinsamen Terminen geht es darum, die Fahrten in Grenzen zu halten“, berichtet der 20-Jährige. Doch so ganz ohne Kilometer geht es in der Bundesliga doch nicht. Unter anderem muss der TKV in Hamburg, Berlin, Gelsenkirchen, Herne, Frankfurt, Stuttgart oder Kaiserslautern antreten. Insgesamt sind neun Mannschaften in der Bundesliga vertreten.

Die Kicker aus dem Ambergau legten in der zweiten Liga eine beispiellose Serie hin. Souverän konnten Hubertus „Hacky“ Jüttner, Tobias Witte, Christoph Ihme, Marcel Kreuzweiß und Teamkapitän Andreas Hofert acht Spiele für sich entscheiden. Damit war der Weg in die höchste Klasse geebnet. Die Verantwortlichen vom TKV wissen natürlich, dass die nächsten Begegnungen kein Zuckerschlecken werden. Doch die Jerzer haben einen Trumpf im Ärmel, der manch einen Gegner aufhorchen lässt. Vollblutspieler Hubertus Jüttner mischt bei den Jerzern mit. Der Hamburger ist bereits 45 Jahre im Geschäft. Als früherer Deutscher Einzelmeister kennt er alle Tricks und Kniffe aus dem Effeff. Auch dem Nachwuchs aus dem Ambergau hat der 60-Jährige bereits einige Lektionen erteilt. Er hatte dem TKV versprochen, falls er einmal den Verein wechseln sollte, in den Ambergau zu kommen. „Sein Versprechen hat Hacky Jüttner gehalten“, freut sich Spielwart Andreas Hofert. Aber auch die übrigen Mitglieder der ersten Mannschaft haben im Laufe der Zeit viel Routine gesammelt.

Geld spielt beim Tipp-Kick keine Rolle, obwohl einige Vereine ihren erfolgreichen Spielern eine Prämie zahlen. Der Spaß am Spiel steht für die Aktiven ganz klar im Vordergrund. Einen großen Reiz machen die großen Turniere aus, die allerdings auch nicht gerade um die Ecke stattfinden. „150 bis 200 Kilometer sind da keine Seltenheit. Zur Stadtmeisterschaft nach Kaiserslautern würde allerdings keiner fahren“, berichtet Ihme.

Niemand müsse gleich mehrere hundert Euro in die Ausrüstung investieren. „Bekanntlich sind nach oben natürlich keine Grenzen gesetzt“, erklärt Ihme, der seit mehr als sechs Jahren dabei ist. Da kann ein Spieler auch schon mal 150 Euro kosten. Der Unterschied liegt darin, dass das Schussbein in Handarbeit aus Edelstahl gefertigt ist. „Dafür hat man viele Jahre Freude daran“, sagt der Bundesligaspieler. Für Einsteiger muss eine Figur aber kaum mehr als 15 Euro kosten. Es kommt auf die Schusstechnik, um den zwölfeckigen Ball ins gegnerische Tor zu bugsieren.

Tipp-Kick hat eine lange Tradition. Erfunden wurde das Spiel vom Stuttgarter Möbelfabrikanten Carl Mayer, der es 1921 zum Patent anmeldete. Der Schwenninger Exportkaufmann Edwin Mieg erwarb die Lizenz 1924, machte sich noch im selben Jahre selbstständig und entwickelte Tipp-Kick zu einem marktgerechten Artikel, das sich bis in die Jahre 1934 bis 1938 zu einem echten Verkaufsschlager entwickelte.

Ältester Verein Deutschlands ist übrigens die TFG 38 Hildesheim, die seit 1938 noch immer zu den festen Größen im Tipp-Kick-Geschäft gehört. Allerdings mussten sie nach einer verkorksten Serie den Abstieg in die Regionalliga hinnehmen. Die Jerzer sind aus der Szene ebenfalls nicht wegzudenken. Sie lassen seit 33 Jahren den Ball über das Spielfeld flitzen.

Die Regeln sind vom Verband klar definiert. Das Spielfeld hat eine Größe von 106-mal 70 Zentimeter. Jeder Spieler darf wahlweise bis zu vier Feldspieler einsetzen, es ist immer nur ein Feldspieler pro Mannschaft zur selben Zeit erlaubt. In der Halbzeit erfolgt Farb- und Seitenwechsel. Derjenige Feldspieler darf den Ball spielen, dessen Farbe auf dem Ball oben zu liegen kommt. Es gewinnt der Spieler, der in der Spieldauer von zweimal fünf Minuten die meisten Tore erzielt. Geübte Kicker schaffen es, durch geschicktes Rotieren des Balles auch schon mal über eine längere Zeit das Zepter in der Hand zu behalten. Das Bolzen über 1:45 Minuten brachte den Jerzern bei einem Play-Off-Spiel im Pokal schließlich den nötigen Punkt.

Die mit Filz bespannten Platten werden meist selbst von den Vereinen gebaut. Doch 30 Stück an zwei Tagen wollen die Aktiven vom TKV dann doch nicht wieder in Angriff nehmen. Gespielt wird im Untergeschoss des Feuerwehrhauses in Jerze. Die Spielstätte hat von den anderen Klubs, die sich auch schon mal in Kneipen oder Jugendzentren treffen, stets beste Noten bekommen. Die größeren Turniere finden in der Ambergau-Sporthalle statt. Dort geht anlässlich des 35-jährigen Bestehens des TKV Jerze 2017 die Deutsche Einzelmeisterschaft mit rund 200 Teilnehmern über die Bühne. Vielleicht ist dann ja auch Charlene Cyffka mit von der Partie. Die 21-Jährige spielt seit Dezember 2014 Tipp-Kick. Damit zählt die Krankenschwester zu den wenigen aktiven Frauen in der Region. „Es macht großen Spaß. Viele Tricks habe ich in der Zeit von Hacky Jüttner gelernt“, erzählt Charlene Cyffka.

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