Jörg Böckelmann: Die Bürger brauchen Botschafter zur Aufklärung über die Organspende

Ohne Puls auf der Überholspur

Sorgt für Aufsehen: Jörg Böckelmann. Über 60 Veranstaltungen besucht er und informiert über Organspende und Kunstherzpatienten am Stand von Pulslos-Leben.

BOCKENEM  Ohne Puls auf der Überholspur: Alltag für Jörg Böckelmann. Zurzeit im wahrsten Sinn des Wortes. Denn der 56-Jährige aus Bockenem tourt mit einem auffälligen VW-Bus quer durch Niedersachsen. Seine Mission: Aufklärung über Organspende und Leben mit einem Kunstherz. Kunstherz – im Sprachgebrauch hat sich dieser Begriff durchgesetzt, obwohl die korrekte Bezeichnung herzunterstützendes System lautet. Dieses System hält ihn am Leben. Die eigene Herzleistung ist zu schwach, um seinen Körper mit genügend Blut zu versorgen.

Nun ist er von einem System abhängig, dass 24 Stunden am Tag mit Strom versorgt werden muss. Dadurch ist er in seinem Alltag eingeschränkt, aber nicht hilflos. Obwohl er nun ohne Blutdruck und Puls lebt, hat ihn seine Energie nicht verlassen. Als Initiator einer „Kunstherz-Niedersachsen-Tour“ unter der Schirmherrschaft des Vereins Pulslos-Leben, der von Kunstherzpatienten der Medizinischen Hochschule Hannover gegründet wurde, reist er derzeit mit einer schwarzen Caravelle quer durch Niedersachen und besucht Krankenpflegeschulen und Veranstaltungen, um über Organspende sowie Kunstherzpatienten und deren Alltagssorgen aufzuklären. Noch sind die Kunstherzen weitgehend unbekannt. Sie sollen in erster Linie zur Überbrückung bis zu einem Spenderorgan dienen. Doch über die Organspende herrschen eine Menge Fehlinformationen, die in erster Linie zu Irritationen führen, statt zu einer vernünftigen Aufklärung. So hat sich Jörg Böckelmann 60 Veranstaltungen in seinen Terminplan notiert, um mit einer sachlichen Aufklärung zu beginnen. Er hat bereits über 4 000 Kilometer im Dienst dieser Aufgabe in Niedersachsen zurückgelegt. Erfolgreich. Der Initiator der Aktion berichtet durchweg von sehr positiven Begegnungen am Stand von Pulslos-Leben. „Es sind unheimlich viele Spenderausweise und Informationsmaterial verteilt worden“, sagt Böckelmann. Ob es nun schon 3 000, 4 000 oder 5 000 Organspenderausweise waren, die er im ersten Drittel der Niedersachsen-Tour an die Frau oder an den Mann brachte, vermochte er nicht genau zu beziffern. „Mir wurde palettenweise Informationsmaterial angeliefert. Wir füllen nur noch das Auto auf und weiter geht´s“, erklärte er. Wir, dass sind seine Frau Heidi und sein Enkelkind Emma Marie, die ihn im zweiten Drittel auf seiner Tour durch Niedersachsen an die Nordsee und ins Emsland begleiten. „Emma macht es riesigen Spaß, beim Verteilen des Informationsmaterials zu helfen. Alle meine Enkelkinder sind in meinen Krankheitsverlauf involviert. Ihnen ist der respektvolle Umgang mit hilfebedürftigen Menschen anerzogen“, verweist er diesem Zusammenhang auf den Beruf seiner Frau und den eigenen hin. Beide sind im Gesundheitswesen tätig. „Vor Behinderten haben unsere Enkel keine Scheu“, sagt Jörg Böckelmann. Und das sind nicht wenige. 15 an der Zahl.

Wie kommt ein Mann auf die Idee, für Organspende und Aufklärung über Kunstherzen auf Tour zu gehen? „Nach meiner Auffassung muss noch viel Aufklärungsarbeit in puncto Organspende geleistet werden. Mir geht es zurzeit mit dem Kunstherz gut. Wie lange noch, kann niemand sagen“, erklärt der Initiator der „Kunstherz-Niedersachsen-Rundfahrt“. „Für mich ist die Zukunft wichtig. Welche Möglichkeiten haben meine Kinder und Enkelkinder, wenn wir in Deutschland die Organspende nicht voranbringen? Treffen kann es doch jeden, dass er ein Spenderorgan braucht“, sagt Jörg Böckelmann, der sich mit den Gegebenheiten nicht zufrieden gibt. „Ich mache diese Aktionen, um auf die vielen Probleme aufmerksam zu machen und die Menschen zum Nachdenken anzuregen.“ Und die Resonanz auf diese Aktionen bestätigt ihn in seinem Schaffen. „Ich habe als Erstes mit dem VW-Bus im Stau gestanden. Was habe ich bekommen? Aufmerksamkeit. Ich habe in Jork super Gespräche geführt. In Lüneburg und Celle stieß ich auf Interesse. Daraus resultierten Gespräche, die halfen, Vorurteile gegen die Organspende abzubauen. Auf Norderney bekam ich jegliche Hilfe“, berichtet Böckelmann.

Eine wichtige Erkenntnis hat er bereits nach noch nicht einmal der Hälfte der Tour gewonnen. „Die Leute brauchen keine Briefe von Krankenkassen zum Thema Organspende, sondern Botschafter, die auf Fragen antworten können, um die vielen Vorurteile und Missverständnisse aus der Welt zu schaffen. Die Aufklärung in der Bevölkerung ist mehr als kläglich.“

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