Bockenem liegt in Schutt und Asche

Der Brand vom 9. April 1847, der sich in diesem Tagen zum 170. Mal jährt, war wohl die größte Katastrophe, die die Stadt jemals erlebt hat. Die protestantische Kirche brach gegen Mitternacht in sich zusammen. Schnell ging es an den Neuaufbau.

BOCKENEM  Es müssen schreckliche Szenen gewesen sein, die sich vor 170 Jahren am 9. April 1847 in Bockenem abgespielt haben. Augenzeugen berichten von einem apokalyptischen Feuer, das in den Abend- und Nachtstunden fast die gesamte Stadt ausradiert hat. Viele Menschen haben in nur wenigen Stunden ihr gesamtes Hab und Gut verloren. „Bockenem liegt in Asche. Feuer, Sturm und Regen haben alles zerstört. Hülfe ist notwendig. Ja, dringend notwendig“, schrieb einen Tag später Bürgermeister Buchholz im Angesicht der menschlichen Schicksale. Vermutlich war es der größte Brand, der wohl seit Bestehen der Stadt die Einwohner heimgesucht hat und fast an den Rand ihres Untergangs brachte. Zuvor berichten die Chronisten von mehreren kleineren Begebenheiten in den Jahrhunderten. Beachtliche Schäden verursachte zum Beispiel die Stiftsfehde im 16. Jahrhundert oder das Feuer vom 6. November 1685. Dort wurden 132 Häuser und 112 Scheunen zerstört. Im Jahr 1785 verbrannten 108 Häuser und 149 landwirtschaftliche Gebäude.

In der Nacht vom 9. auf den 10. April 1847 verloren dagegen 2 000 Menschen ihre Wohnung. Durch die vielen Obdachlosen war die Not sehr groß, die Vorräte verbrannten restlos. Das Rathaus und das Stadtarchiv gingen in Flammen auf. Wertvolle historische Dokumente konnten nicht mehr gerettet werden. Von 330 Häusern blieben noch nicht einmal 90 stehen. Durch den Hilferuf des Magistrats in der Zeitung am Folgetag brachten viele Menschen Geld- und Sachspenden in die Stadt. Auch aus dem fernen Hamburg kam Hilfe. Ein Augenzeugenbericht des damaligen katholischen Pfarrers Walter Bauermeister erzählt von einer rasenden Schnelligkeit der Flammen. „Die Menschen hatten keine Chance, ein Löschen war nicht möglich. Selbst der Ruf des Wächters stockte im Angesicht der Feuersbrunst“, berichtet der Geistliche. Seine Notizen legte er auf den ersten Seiten des neuen Taufbuches nieder, das er gleich nach Vernichtung aller vorherigen Matrikel der Pfarrei anlegte. Auch das gesamte Pfarrarchiv wurde ein Raub der Flammen. Das Feuer brach gegen 20.45 Uhr an der Ecke Stobenstraße/Königstraße im Haus des Schneiders Wundenberg aus. Ein schwerer Sturm unterstützte die Flammen noch bei der Ausbreitung. Nach 15 Minuten sei ein gesamter Stadtteil den Flammen gewichen, heißt es. Beim Ausbruch lagen viele Kinder schon ihren Betten. Nur notdürftig eilten sie hinaus in die Straßen. Die am Steintor wohnenden steuerten das Bohrhaus an, in dem die Stämme für die Wasserleitung gebohrt wurden. Dort glaubten sie sich vor dem Feuer sicher. Ein Irrglaube, wie sich schon bald herausstellte. Funken setzten es wenig später in Brand. Auf der Mahlumer Höhe verbrachten sie schließlich bei Sturm und Regen eine schreckliche Nacht. Die anderen Kinder waren in die Gärten am Schlangentor geflüchtet. In der Stadt sah man weinende Mütter, die ihre Kinder suchten. Gegen Mitternacht geriet dann die protestantische Kirche in Brand. Kurz zuvor hatten die Glocken als sie in den zusammenbrechenden Turm herabstürzten ein letztes Mal geschlagen. Nichts konnte gerettet werden, außer dem Taufgefäß, den Leuchtern von den beiden Altären und deren Bekleidung und auch ein Ölbild. Die Feuersbrunst in Bockenem war auch in den Nachbargemeinden erkennbar. Gegen 2 Uhr legte sich der Schein. Die Flammen hatten kaum mehr einen Angriffspunkt. An der Löschung des Brandes beteiligten sich nicht weniger als 60 Spritzen. Es war ihnen aber nur vergönnt, die Häuser des Winkels, Rodentaus und der Wasserstraße vor dem Feuer zu schützen. An den eigentlichen Brandherd konnte niemand wegen der Hitze gelangen. Eine Spritzenmannschaft hatte sich zu weit in die brennende Stadt gewagt. Plötzlich sah sie sich von allen Seiten vom Feuer umringt, die Löschgruppe musste die Spritze stehen lassen, um das eigene Leben zu retten. Von der Nette bis zum Steinthor war eine einzige Wüste der Zerstörung erkennbar. Tiere liefen umher, die Menschen waren vom Feuer und dem Ruß schwarz auf der Haut. Not, Hunger und Kälte hatte die Bockenemer von einem auf den anderen Tag eingeholt. Die Stadt glich einem Trümmerhaufen. Aufgegeben haben die Einwohner nicht. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Stadt kontinuierlich wieder aufgebaut. Bereits ein Jahr später kam es zur Gründung des Männerturnvereins. Im Jahr 1852 freuten sich die Bockenemer dann über die Weihe ihrer neuen Kirche.

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