ZAH-Mitarbeiter retten Schnellhefter mit Fluchtbeschreibung vor der Entsorgung

Familiengeschichte im Container

Viel Aufregung um einen Ordner voller Familiengeschichte – der landete im Altpapiercontainer. Fahrer Thomas Hartmann und der stellvertretende Deponieleiter der ZAH, Jan Stroh, (von links) halfen Adelheid Thur schnell und unbürokratisch. So konnten der Hefter und mit ihm wichtige Aufzeichnungen gerettet werden. Foto: Rischmüller

WEHRSTEDT J Normalerweise achtet man auf die unscheinbaren grauen Altpapiercontainer nur, wenn man unnötiges Papier beseitigen möchte. Enge Schlitze, durch die man versucht, möglichst viel des unliebsamen Mülls zu entsorgen. So ging es auch Adelheid Thur aus Berlin.

Nach dem Tod ihrer Mutter sorgte sie für die Auflösung des Hausstandes in Wehrstedt. Den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte sie in der Kurstadt. Aber eben nicht die gesamte Kindheit und genau deshalb freute sie sich mit ihrem Mann und ihrem Bruder als sie im Nachlass der Mutter einen grünen Schnellhefter fand. Denn in diesem hatte die Mutter die dramatische Flucht während und nach dem Zweiten Weltkrieg niedergeschrieben. Acht Tage vor der Geburt Thurs musste ihr Vater an die Front bei Stalingrad. Die Familie lebte bis 1944 in Berlin, doch als die Bombardements dort zunahmen, floh die Mutter mit ihrer kleinen Tochter in ein Dorf bei Neiße in Schlesien.

Was folgte war ein wahrer Fluchtmarathon: Von Schlesien nach Thüringen, als dieses nach dem Ende des Krieges von den Alliierten gegen West-Berlin getauscht wurde, ging es wieder zurück nach Polen für die kleine Adelheid und ihre Mutter. Dann folgte die Vertreibung. Thurs Vater, der ein halbes Jahr nach ihrer Geburt an der Front gefallen war, hatte Familie in Lamspringe. Die nahm das Kind und ihre erschöpfte Mutter auf, 1949 heiratete diese dann einen Bad Salzdetfurther und so wuchs Thur in Bad Salzdetfurth auf.

Erinnerungen an die unruhige Zeit der Flucht hatte sie keine, und so war der Hefter ein echter Schatz für sie, um sich ihrer eigenen Geschichte nähern zu können, vielleicht Erklärungen für die jahrelangen Albträume zu finden, die sie plagten. Die Dokumente wurden also achtsam beiseite gelegt, es wurde weiter gearbeitet und vor der Abreise wurde alles Papier zusammengepackt und durch die engen Schlitze des Wehrstedter Altpapiercontainers gestopft.

Einen Tag später in Berlin dann der Schreck: Vorfreudig schaute Thur in ihre Reisetasche um sich die Aufzeichnungen der Mutter durchzulesen – doch der Hefter war nicht da! „Welch ein Schock“, erinnert sich die Berlinerin: „Sofort erinnerte ich mich, wie ich den Hefter in eine Tüte für das Altpapier gesteckt hatte.“

Verzweifelt meldete sich Thur beim Zweckverband Abfallwirtschaft Hildesheim (ZAH) und was folgte war die Geschichte von gelebter Kundenorientierung. Die Sekretärin gab ihr sofort die Telefonnummer ihres Chefs. Dieser konnte jedoch wenig Hoffnung machen, wollte sich aber nach dem Termin der Container-Leerung erkundigen.

Keine fünf Minuten später erhielt Thur einen Anruf des stellvertretenden Leiters der Deponie Heinde. Jan Stroh berichtete, dass der Container erst am nächsten Morgen zur Entsorgung gefahren würde. Es gäbe zwei Möglichkeiten. Der Container könne gesondert nach Heinde gebracht und ausgeleert werden, um in Ruhe nach dem Familienschatz suchen zu können. Oder sie könnte sich mit dem Fahrer Thomas Hartmann direkt vor Ort am Container verabreden. Logistisch waren beide Möglichkeiten ein großer Aufwand, auch wenn der Fahrer seine Tour umgestellt hätte und sich so ein Treffen um 11 statt um 6 Uhr hätte realisieren lassen: es blieb bei einer rund 600 Kilometer langen Odyssee mit ungewissem Ausgang.

Umso mehr freute sich die Hefterentsorgerin, als wenige Minuten später der stellvertretende Deponieleiter anrief um zu erklären, dass er sich unter diesen Umständen nun höchstselbst aufmachen würde zur Suche im Container. „Mein Vater war zur Rehabilitation in der Salze-Klinik und so beschloss ich, den Besuch bei ihm mit der Suche nach dem Hefter zu verbinden.“ Und tatsächlich, er fand die Papiere und konnte diese der glücklichen Berlinerin bei ihrem nächsten Besuch in der Region übergeben.

„Wir sind öffentlicher Dienst, für mich sind die Gebührenzahler mein Arbeitgeber. Es war nicht das erste Mal, dass wir auf Schatzsuche gingen“, berichtete Stroh. Eheringe, Diamanten, Briefe mit Geldgeschenken im entsorgten Weihnachtsgeschenkpapier – er und seine Kollegen geben ihr Bestes, um den Kunden in ihrer prekären Situation schnell und unbürokratisch zu helfen. Das bestätigte auch Hartmann, der stolz hinzufügte bisher alle verlorenen Gegenstände wiedergefunden zu haben. „Meine Großeltern sind selbst Vertriebene, ich weiß also auch aus meiner eigenen Familiengeschichte, welche Wichtigkeit diese Aufzeichnungen haben“, erklärte Stroh noch abschließend, dann machten sich die beiden „Schatzsucher“ wieder an die Arbeit – mit Thurs Dankbarkeit im Gepäck.

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