Krimi im Ersten

Der Irland-Krimi: Kein Platz für Werbefilmromantik

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Die Psychologin Cathrin Blake (Désirée Nosbusch) ist in ihrem Beruf eine Klasse für sich.

Zuwachs beim Donnerstagskrimi in der ARD: Désirée Nosbusch überzeugt als deutsch-irische Kriminalpsychologin mit Wohnsitz Galway.

Schon seit einigen Jahren gibt es in der Reihe der Donnerstagskrimis im Ersten eine Noir-Linie. Kriminalfilme mit einer dunkleren Tönung und oft gewichtigeren Themen im Vergleich zu anderen auf diesem Sendeplatz, die im Stile von Coffee-Table-Books bebildert werden. Mit dem „Irland-Krimi“ erweitert das ARD-Produktionsunternehmen Degeto dieses Portfolio.

ARD: Irland-Krimi mit finsterem Kapitel der Geschichte 

Schon der erste Beitrag greift ein finsteres Kapitel der irischen Geschichte auf: die noch immer nicht restlos aufgearbeiteten Verbrechen in den zumeist von Ordensgemeinschaften geführten Magdalenen-Heimen. Dort waren Kinder und Frauen brutal misshandelt, teils auch missbraucht worden. In Dublin fand man in den Neunzigerjahren einhundertfünfundfünfzig Leichen unbekannter Bewohner auf dem Gelände einer solchen Einrichtung. 

Irische Krimiautoren wie John Banville alias Benjamin Black und Ken Bruen haben diese Skandale bereits zum Thema gemacht. Das Unternehmen Telegael, beim „Irland-Krimi“ der einheimische Herstellungspartner der deutschen Degeto, ist auch Produzent einer Filmreihe nach Bruens „Jack Taylor“-Romanen.

Irland-Krimi in der ARD: War der Tote käuflich?

Als Ermittlerfigur installiert das Autorenteam Marianne Wendt und Christian Schiller mit Cathrin Blake (Désirée Nosbusch) eine Psychotherapeutin deutscher Herkunft, die durch Heirat zur Einheimischen wurde. Damit umgeht das Team jene peinlichen Szenen hiesiger Auslandskrimis, in denen deutsche Kriminalbeamte in der Fremde tätig werden und dort noch im letzten Winkel auf deutschsprachige Personen treffen.

Cathrin Blakes Biografie ist bereits irisch geprägt. Sie hat in Galway ein Studium absolviert und als Kriminalpsychologin gearbeitet, lebt dort mit ihrem Sohn Paul (Rafael Gareisen). Ihr Mann Liam (Barry O’Connor) war Kriminalbeamter, seit zehn Jahren ist er spurlos verschwunden. Die Ungewissheit hat Cathrin Blake in den Alkohol getrieben. Momentan ist sie trocken, aber der Whiskey lockt. Umso mehr, nachdem auf dem Grundstück eines jener berüchtigten Magdalenen-Heime Skelette gefunden werden. Alle von kleinen Kindern, mit einer Ausnahme – den deutlich jüngeren Überresten eines erwachsenen Mannes. Cathrin Blake ist alarmiert, glaubt sich sicher, dass es sich bei dem Toten um Liam handelt. Liams frühere Kollegen bleiben reserviert, wiegeln ab, wollen forensische Beweise abwarten.

Irland-Krimi auf der ARD: Wenn die Sache spannend wird

Cathrin Blake nimmt selbst Ermittlungen auf, zumal der Verdacht aufkommt, Liam habe seinerzeit Informationen an eine örtliche Drogenbande weitergegeben. Die Verbrecher betreiben ihre dunklen Geschäfte noch immer. Und, da wird die Sache spannend, sie sehen es gar nicht gern, dass Cathrin mehrfach ihre Wege kreuzt.

Von diesem „Irland-Krimi“ darf das Publikum keine farbensatte Kerrygold- oder Sir-Irish-Moos-Werbefilm-Idylle erwarten. Cathrin Blake sucht gern Ruhe am Meer, aber das Klima hier ist eher rau. Das entspricht ihrem Wesen. Mit der jungen Polizistin Emma Walsh (Mercedes Müller) springt sie ausgesprochen pampig um, beleidigt sie als „Küken“ und „überforderte Praktikantin“. Entgleisungen, die sich mit ihren aufgewühlten Gefühlen erklären lassen. Aber Emma Walsh lässt sich nicht abschrecken, nimmt auch im zweiten Film der Reihe beruflich wie privat eine bedeutende Rolle ein. Die beiden Frauen werden sich aneinander gewöhnen müssen.

Irland-Krimi in der ARD und im kleinen Städtchen Galway

Gelungen eine Szene zu Beginn, die Cathrin Blakes Befindlichkeit so anschaulich wie ungezwungen vermittelt: Während einer Therapiesitzung lauscht sie den frauenfeindlichen Gewaltfantasien eines männlichen Patienten. Dann kehrt sich das Verhältnis um – er bekundet sein Mitgefühl, weil ihre Trauer im kleinen Städtchen Galway Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit sind. Auf der bildlichen Ebene unterstreichen Regisseur Züli Aladag und Kameramann Roland Stuprich Blakes Seelenschmerz durch unscharfe Vignettierungen und eingetrübte Farben.

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Das Lokalkolorit gerät in der Regie von Aladag, der auch an den durch die überwiegend irische Besetzung nötigen Synchronisationsarbeiten beteiligt war, zumeist sehr stimmig – das Bingo-Spiel im Community Centre, die Armenspeisung, das Hunderennen. Unbedacht wirkt eine Szene, in der einer der Strolche stiekum seine gesetzwidrig erworbenen Geldbündel versteckt – offen sichtbar bei sperrangelweit geöffnetem Scheunentor.

Am Drehbuch stören Anglizismen wie „Wir müssen reden“ und das überstürzt hereinbrechende Finale. Da wird das Erzähltempo unmittelbar angezogen, um im Neunzig-Minuten-Rahmen noch rasch zu einem Abschluss zu kommen.

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Das Erste setzt die Reihe bereits in der kommenden Woche fort. Cathrin Blakes nächster Fall ist in der Premierenfolge schon angelegt. Er wird sie in die Kreise der Traveller führen, der diskriminierten Gruppe der Landfahrer. Auch ein Milieu, in dem ehedem Ken Bruens Privatdetektiv Jack Taylor schon tätig war. Nachzulesen in dem von Harry Rowohlt übersetzten Roman „Jack Taylor liegt falsch“ („The Killing of The Tinkers“).

Von Harald Keller

Zur Sendung

„Der Irland-Krimi: Die Toten von Glenmore Abbey“, Donnerstag, 24.10.2019, 20.15 Uhr, Das Erste

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