TV-Kritik

„Maybrit Illner“ zum Anschlag in Halle: Absurder Ausflug in die Gedankenwelt des Attentäters

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Marina Weisband, der Star des Abends.

Eine manchmal konfuse und sogar unpräzise Talkrunde zum rechten Terroranschlag in Halle hielt viel Kritik, wenige Lösungen und eine sehr willkommene Rückkehr parat.

Vielleicht ist es einfach keine gute Idee, einen Politiker nur 48 Stunden nach einem gravierenden und vielleicht traumatischen Ereignis ins Studio zu laden. Das wäre zumindest eine mögliche Erklärung für den wirren und streckenweise desolaten Auftritt von Reiner Haseloff von der CDU. Sichtlich gezeichnet von dem Stress der letzten Tage hätte sich der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt vielleicht besser auf seine Aufgaben konzentrieren sollen, anstatt im Fernsehen wirre Lamentos und sogar Halbwahrheiten von sich zu geben.

Seine ersten Statements nach der Brennpunkt-artigen Anfangsreportage wirken noch halbwegs kohärent: Da versucht jemand, Ruhe auszustrahlen und Sicherheit zu vermitteln. Vielleicht hat er nicht mit dem ernsthaftem Gegenwind gerechnet, der ihm entgegenschlägt. Denn die anderen Panelisten sind hellwach. Vor allem Sebastian Fiedler, Bundesvorsitzender des Bunds Deutscher Kriminalbeamter, hat klare Standpunkte und – noch gravierender – klare Zahlen parat, die er Haseloff um die Ohren haut: In jedem anderen Bundesland gibt es Objektschutz für jüdische Einrichtungen, in Halle nicht mal an hohen jüdischen Feiertagen? Warum hat die Polizei so lange gebraucht, bis sie vor Ort war? Die technischen Lösungen, von denen Haseloff redet, sind allesamt Augenwischerei. Und in Sachen Amoklauf-Prävention machen die meisten Länder eh nichts. 

Reiner Haseloff rudert bei Maybrit Illner argumentativ ums blanke Überleben

Für den Rest der Sendung von Maybrit Illner* rudert Haseloff argumentativ ums blanke Überleben. Irgendwelche Spezialisten haben die Sicherheitskonzepte gemacht, die muss man nun wohl überarbeiten. Und bei der Innenministerkonferenz wird man drüber reden. Irgendwie. Was ihn als Bildungspolitiker viel mehr umtreibt: „Welcher Geist ist in unserer Gesellschaft?“ Ein Ministerpräsident beklagt den Zustand der Welt. „Wie konnte sich so etwas entwickeln, dass jemand keinen Respekt vor dem anderen Menschen hat?“ Danach, bei einem an sich schon absurden Ausflug in die Gedankenwelt des Attentäters, findet Haseloff dann leider auch noch die dümmste aller CDU-Marotten: „Kann der nicht mehr unterscheiden zwischen seinen Computerspielen und der Realität?“

Meine Damen und Herren, es ist wieder soweit. 25 Jahre nach der originalen „Killerspiel“-Debatte, nachdem unzählige wissenschaftliche Studien und beißende Dokumentationen die Legende, dass Computerspiele irgendwas mit Amokläufen zu tun haben, dutzendfach widerlegt haben, holt die Union ihre Lieblingskeule wieder aus dem Keller. Thomas de Maizière hatte sie 2016 nach dem Amoklauf von München schon mal vorgewärmt, und Reiner Haseloff zeigt, wie tief diese Argumentation im Stammhirn der CDU-Älteren immer noch verwurzelt ist. (Wobei ihm zu allem Überfluss auch noch der ZDF-Terrorexperte Elmar Theveßen zur Seite springt mit wirren Verbindungen zur „Gamer-Szene, wenn auch nur einem winzig kleinen Teil davon“ – wenn die anvisierte Bevölkerungsgruppe dreimal so groß ist wie zum Beispiel die „Fernsehschauer-Szene“, sollte man sie vielleicht nicht heranziehen, um einzelne Mitglieder zu verdammen ...)

Reiner Haseloff ist völlig orientierungslos

Den zweiten Bock schießt Haseloff kurz danach: Er erwähnt die selbstgebauten Waffen des Attentäters, wird bei den Details aber zunehmend schwammig: Irgendwoher müsste der die Bauteile ja bezogen haben, bestimmt aus dem „Dark Net“, das muss man natürlich alles aufdecken. Er wird von den anderen Panelisten, die es besser wissen, nicht direkt konfrontiert, aber es ist schockierend, wie orientierungslos Haseloff bei diesem Thema mit schlechten Informationen um sich wirft. 

Maybrit Illner in der ZDF-Mediathek

Die einfache Zeitungslektüre hätte ihm sagen können, dass die Waffen auf den Plänen des britischen Radikalen Philip Luty basierten und ohne großen technischen Aufwand oder gar bestellbare „Bauteile“ hergestellt wurden. Unerwähnt blieb auch, dass eben diese Waffen mehrmals den Dienst versagten, was diesen Anschlag im Gegensatz zu anderen Amokläufen zum Beispiel in Christchurch mit nur zwei statt Dutzenden Todesopfern enden ließ. „Mit automatischen Waffen hätte er mehr Menschen getötet“, spekuliert jemand. Erst dann meint Fiedler trocken: „Schon mit funktionsfähigen Waffen hätte er mehr Menschen getötet.“

Fiedler hätte Haseloff nicht nur bei diesem Punkt ans Kreuz nageln können, und man darf ihm hoch anrechnen, dass er nicht an der Bloßstellung des Ministerpräsidenten interessiert war. Ihm geht es um die Sache: Der Personalstand der Polizei in den Ländern ist lächerlich gering, und bei jeder Krise, sei es religiöser Fanatismus oder Einbruchsserien, werden allerlei Beamte auf den „Brennpunkt“ geworfen und alle anderen Aufgaben vernachlässigt. Für die Bemerkung von Innenminister Seehofer, dass man diesen rechten Terror als neuen Brennpunkt bekämpfen müsse, ohne die bisherigen Brennpunkte zu vernachlässigen, hat er entsprechend nur Häme übrig.

Marina Weisband ist der Star des Maybrit-Illner-Talks

Der eigentliche Star des Abends blieb aber lange ruhig. Marina Weisband hat als Piraten-Vorreiterin Furore gemacht, bevor sie zu den Grünen gewechselt ist und es etwas ruhiger um sie wurde. Die brillante IT-Politik-Expertin ist vor allem auch als gläubige Jüdin hier, und ihre Worte sind ebenso klug gewählt und fundiert, wie sie mahnend und aufrüttelnd sind. „Wir haben seit Jahren gewarnt und um Hilfe gebeten.“ 

Sie schildert das Leben in Furcht, zu dem die deutschen jüdischen Gemeinden verdammt sind. Zu Annegret Kramp-Karrenbauers unbedachter Äußerung, dass dieser Anschlag ein „Alarmzeichen“ wäre, erwidert sie vernichtend: „Wenn das ein Alarmzeichen ist, was ist dann der Ernstfall?“ Ihr gehört nicht nur die gesamte zweite Hälfte der Sendung, sondern auch durchgehend der meiste Zuschauerapplaus. 

Lesen Sie auch den FR-Leitartikel* zu Halle: Ein rechter Terroranschlag ist weder „unvorstellbar“ noch ein „Alarmzeichen“. Alarmierend ist aber, wie konsterniert die Politik auf Halle reagiert

Weisband macht einfach alles. Sie schneidet erst mal die Killerspiel-Debatte ab: „Das bedeutet weiß Gott nicht, dass Computerspiele schuld sind.“ Dann geht sie gegen andere Fehlurteile vor: „Die Erzählung, dass Antisemitismus immer muslimisch ist, das kauft doch keiner mehr. Da werden zwei Minderheiten gegeneinander ausgespielt, die sich beide nicht mehr sicher fühlen können.“ Und dann schaut sie auf die eigentlichen Hintergründe: „Wir scheitern schon daran, Frauen und Minderheiten vor sprachlicher Gewalt online zu schützen.“

Marina Weisband stellt bei Maybrit Illner alle guten Fragen

Hier springt Theveßen dann mal hilfreich ein und erklärt in Maybrit Illners Talkrunde die Parallelen der Terror-Manifeste zu Äußerungen der AfD, der FPÖ, von Salvini und Trump: Die klaren antisemitischen und antimuslimischen Ausfälle von Politikern schaffen Legitimation und Bestärkung von rechten Radikalen. Theveßen fordert eine globale Gesamtstrategie, während Weisband wieder ins Konkrete geht: die Medienkompetenz. Schulen verbieten Smartphones – aber wo ist eigentlich der Ort, wo Jugendliche lernen, mit dem Internet und den sozialen Medien umzugehen und radikalisierende Inhalte zu erkennen? Marina Weisband stellt an diesem Abend alle guten Fragen, und man kann nur hoffen, sie wieder häufiger im nationalen Rampenlicht zu sehen.

Von D.J.Frederiksson

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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