Markus Lanz im ZDF

Markus Lanz im ZDF: Ein Moderator im Blutrausch und „erschreckende Ideen“ von Boris Palmer

Markus Söder und Karl Lauterbach sind sich im Talk bei Markus Lanz im ZDF ungewöhnlich einig sind. Boris Palmer sorgt für Kopfschütteln. Die Kritik.

  • Die Talkrunde bei Markus Lanz (ZDF) zeigte viel politisches Profil
  • Das Thema der Sendung war selbstverständlich der Umgang mit der andauernden Corona-Pandemie
  • Während Markus Söder (CSU) und Karl Lauterbach (SPD) sich ungewöhnlich einig waren, tischt Boris Palmer (Bündnis 90/Grüne) erneut „erschreckende“ Ideen auf

Die Gäste müssen den Moderator beruhigen, Markus Lanz will Boris Palmer ans Kreuz nageln undMarkus Söder schwebt über allem – eine ungewöhnlicher Talk-Abend im ZDF.

Eine Krise bringt bei Menschen bekanntermaßen ungeahnte Seiten ans Licht. Manche blühen auf, manche igeln sich ein, wieder andere werden zum nervlichen Wrack. Diese „Markus Lanz“-Sendung bot eine ausgezeichnete Gelegenheit, bei einigen prominenten Persönlichkeiten ein Zwischenfazit zu ziehen.

Markus Lanz im ZDF: Definitionsmoment für Politiker Markus Söder (CSU) 

Dass Markus Söder gerade einen echten Moment als kompetenter Krisenpolitiker hat, weiß man nicht erst seit dieser Sendung. Aber die Souveränität, mit der er die Themen, die aus allen Richtungen auf ihn zugeworfen werden, sortiert, bearbeitet und abhakt, das nimmt langsam beängstigende Ausmaße an. Wer eine weltweite Pandemie und die bevorstehende größte Rezession der Nachkriegszeit klingen lassen kann wie ein herausforderndes Abenteuer, durch das man gemeinsam, planvoll und letztlich gestärkt durchmarschieren wird, der scheint für Höheres berufen. Die Art Politiker, die in einfachen Zeiten etwas zu pragmatisch und bieder wirken, aber in Krisenmomenten nach vorne treten, Leute an die Hand nehmen, ihnen den Weg erklären, Mut machen und sie auch mal ermahnen, die werden von den Deutschen gerne zu Kanzlern gemacht.

Markus Söder (CSU) und Karl Lauterbach (SPD) bei Markus Lanz (ZDF)

Und es sind keineswegs softe Fragen, die Söder hier vorgesetzt bekommt: Werden wir alle ärmer sein nach der Krise? Ja, sagt er unverblümt, „die Party, wo’s immer nur bergauf ging, die ist vorbei.“ Aber relativ gesehen wird es uns besser ergehen als vielen anderen. Was ist mit der Wirtschaft? Söder läuft mit uns durch die Schritte: Wir sind in der „Durchhaltephase“: Kredite, Rettung, Überleben. Danach kommt die „Durchstartphase“, wo alles wieder hochgefahren wird – aber selektiv. Technologieförderung. Konsumstimulus. Anreize für Digitalisierung, Emissionsprämien, Forschung. Kein einfacher Neustart, sondern mehr Nachhaltigkeit. Zukunftsgerichtet. Wer eine Weltwirtschaftskrise wie ein Wahlprogramm klingen lassen kann, der schwebt wahrlich in einer Zen-Phase des politischen Erfolgs.

Und Söder versteht, dass er nur umso staatsmännischer wirkt, wenn er die stumpfe Parteipolitik hinter sich lässt. Nachdem er den Grünen so ihre Talking Points weggefressen hat, küsst er plötzlich auch noch die SPD. Woher soll all das Geld kommen, wird der Staat nicht pleite gehen? „Wir haben gut gewirtschaftet, wir haben Rücklagen, wir haben ein gutes Rating und können billig Geld leihen.“ Söder lobt die große Koalition in Sachen Geldpolitik, Gesundheitspolitik, soziale Gerechtigkeit. Kollege Karl Lauterbach von der SPD nickt durchgehend begeistert.

Auf den staatsmännischen Markus Söder folgt der zynische Boris Palmer bei Markus Lanz (ZDF)

In nur zehn Minuten vereint Söder einfach alle unter seinem Zelt: Die Pflegekräfte dürfen nicht vergessen werden. Er stellt sich vor die Virologen, die auch mal eine neue Erkenntnis haben dürfen („Wenn ich da dran denke, wie oft wir Politiker unsere Einschätzungen ändern...“). Und der europäische Gedanke ist natürlich ganz wichtig. Und ganz nebenbei besteht er auf seinen „ethischen und christlichen Maßstäben“ - und nicht mal die klingen anhand der derzeitigen Entscheidungen wie eine bloße Floskel. Er weicht keiner Frage aus, und spätestens bei der Nachfrage redet er Klartext: „Das heißt: Wir werden natürlich Schulden machen müssen.“ Er wischt alle braven Diskussionen der letzten Jahre einfach vom Tisch: Das hier ist der Ernstfall. Er wird tun, was er tun muss. Nach einer Viertelstunde ist die Live-Schalte vorbei, und Söder hat einen weiteren Homerun geschlagen.

Was soll jetzt noch kommen? Nach Söders Weggang darf das politische Fußvolk die schmutzigen kleinen Schlachten schlagen. Um genau zu sein hat Markus Lanz den Tübinger Bürgermeister Boris Palmer eingeladen, der zuletzt mehrfach mit zynisch wirkenden Strategie-Empfehlungen für diese Krise aufgefallen war: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Leute, die in einem halben Jahr sowieso sterben werden.“ Und „Über 80 sterben die meisten ohnehin irgendwann“ sind keine Zitate, die man auf der nächsten Familienfeier (oder dem nächsten Parteitag) rechtfertigen möchte.

Boris Palmer schmückt sich bei Markus Lanz mit einer „unerträglichen“ Strategie

Es sind Aussagen, die Söder verurteilt, die Lauterbach „unerträglich“ findet und die auch Lanz sichtlich erschrecken. Entsprechend ist nicht ganz klar, was der Moderator sich von dem Tübinger Bürgermeister erhofft hatte – eine Entschuldigung, eine Erklärung? Sicher ist nur, dass er das nicht kriegt. Im Gegenteil: Palmer legt ein komplettes Gedankengebäude frei, voll schiefer Kanten und dunkler Ecken. Leider entpuppt es sich als genau der Plan, den Großbritannien im März propagiert hat, bevor die Regierung nach zwei Wochen vehementer Proteste der Wissenschaften eilig umschwenkte und seitdem der verlorenen Zeit nachtrauert.

Die Strategie sieht in etwa so aus: Anstatt einen kompletten Lockdown zu verhängen, schickt man nur Risikogruppen wie alte Menschen ein halbes Jahr in die Isolation, während Otto Normalarbeiter sich fröhlich ansteckt und den Virus verbreitet, aber die Wirtschaft am Laufen hält. Um nicht ganz so herzlos zu wirken, schiebt Palmer die armen Kinder in der Dritten Welt vor, denen wir durch unsere „absichtlich herbeigeführte Wirtschaftskrise“ die humanitäre Hilfe abzwacken.

Bei Markus Lanz gibt Karl Lauterbach Boris Palmer Nachhilfe in Sachen Virologie 

Was die britischen Wissenschaftler bereits vor Monaten gemacht haben, macht SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nun nochmal schnell in zwanzig Minuten: Er zerpflückt die vielen, vielen Denkfehler dieser Theorie: Eine Durchseuchung der Bevölkerung würde erstens nicht Monate, sondern Jahre dauern. Zweitens besteht die Risikogruppe nicht aus ein paar Rentnern, sondern aus einem Drittel der Bevölkerung und durchaus auch aus vielen jüngeren Leuten mit Vorerkrankungen („50% der Leute mit 50“) wie Asthma, Raucherlunge, Diabetes, etc. die man ebenso in die Isolation drängen würde. 

Drittens ist die komplette Isolation einer ganzen Bevölkerungsgruppe vollkommen illusorisch, so sehr Palmer auch auf spezielle Einkaufszeiten oder Nahverkehrsstrecken nur für Risikogruppen hinweist – und eine einzige Übertragung in diese Gruppe hinein würde ähnlich wüten wie der Virus derzeit in den Alten- und Pflegeheimen. Viertens würden selbst unter den „Gesunden, Jungen“ immer noch um die hunderttausend Tote zu verzeichnen sein und eine Wirtschaftskrise ohnehin ausbrechen. 

Und fünftens legt Lauterbach dankbarerweise auch noch das scheinheilige Argument um die armen kleinen Kinder frei: Wenn Deutschland statt 0,7% auch nur 1% seines BIPs für die Auslandshilfe ausgeben würde, könnte man Millionen Kinder in Entwicklungsländern schützen – aber komischerweise hat sich vor der Krise niemand für diese Kinder interessiert. Die sind erst wichtig geworden, seit sie als moralisches Feigenblatt für die deutsche Wirtschaftsangst herhalten können.

Moderator Markus Lanz (ZDF) ist auf Kriegsfuß

Nun könnte man meinen, damit wäre es gegessen, aber ausgerechnet Lanz kann die Sache nicht ruhen lassen. Das ist vor allem deswegen überraschend, weil der Moderator eigentlich berüchtigt ist dafür, seine Gäste absurde und nicht selten gefährliche Meinungen vertreten zu lassen, um sich anschließend auf irgendwelche halbgaren „eigentlich wollen wir ja alle das gleiche“-Floskeln hinauszuretten. Man denke nur an seine Hilflosigkeit angesichts der haarsträubenden Thesen von Hans-Georg Maaßen in seiner Sendung, oder an seine enthusiastische Duldung, als der Schauspieler Heiner Lauterbach im gleichen Studio den menschengemachten Klimawandel anzweifelte.

Aber diesmal ist Lanz aufgebracht, beinahe cholerisch, als er Palmer und seine „hanebüchen vorgetragene Idee“, die „medizinisch vollkommen undenkbar“ ist, wieder und wieder angeht. Irgendwann springen die anderen Gäste ein und versuchen, den Moderator im Blutrausch von seinem argumentativ bereits völlig zerstörten Opfer herunterzuziehen. Aber auch sie brauchen mehrere Versuche, bis Lanz sich beruhigt. Die Krise scheint einigen Leute auch schwer auf das Nervenkostüm geschlagen zu haben.

Zu Beruhigung lieber über Lieferketten reden - Der Abend bei Markus Lanz im ZDF

Man rettet sich in zwei angenehm unstrittige, reine Sachthemen: Der Palliativ-Mediziner Matthias Thöns erklärt die neuesten Erkenntnisse, dass die künstliche Beatmung per Intubation bei hochaltrigen Patienten zu wochenlangem Leiden und nur in 3% der Fälle zum Überleben führt, wohingegen die weniger invasive Atemmaske nicht nur sanfter wäre, sondern offenbar auch bessere Ergebnisse erzielt – eine Meinung, die Karl Lauterbach vehement teilt. 

Und die Ökonomieprofessorin und frisch gekürte „Wirtschaftsweise“ Veronika Grimm darf referieren, wie man die deutschen und europäischen Lieferketten und Kapitalflüsse nach der Krise möglichst effektiv und reibungslos wieder hochfährt – ohne dabei hunderttausende Junge oder Millionen Alte zu opfern. Der Puls darf sich jetzt wieder beruhigen.

Von D.J. Frederiksson

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Rubriklistenbild: © Screenshot ZDF-Mediathek

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