MeToo-Debatte

Barley vermutet "Schweigekartell" im Fall Wedel

Was Schauspielerinnen dem Regisseur Wedel vorwerfen, liegt zum Teil Jahrzehnte zurück. Ähnlich sieht es beim US-Produzenten Weinstein aus. Viele missbilligen das Schweigen in der Branche.

Berlin (dpa) - Persönlichkeiten aus Politik und Film haben mit Blick auf den Fall Dieter Wedel und die #MeToo-Debatte eine Kultur des Schweigens im Filmgeschäft kritisiert. Für die geschäftsführende Familienministerin Katarina Barley (SPD) weckt der Fall Wedel den "Eindruck eines Schweigekartells".

Die SPD-Politikerin sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): "Ich bin normalerweise vorsichtig mit solchen Worten, aber: Wenn sich die Anschuldigungen bestätigen, dann ist das ein Skandal, von dem sehr viele Menschen gewusst haben müssen. Ich hoffe sehr, dass jetzt viele Frauen den Mut finden, ihr Schweigen zu brechen."

Mehrere Frauen werfen Wedel (75) vor, sie während der gemeinsamen Arbeit sexuell belästigt und sogar vergewaltigt zu haben. Der Regisseur ("Der Schattenmann") wies alle Anschuldigungen zurück. Die globale #MeToo-Debatte wirft seit Monaten ein Schlaglicht auf Sexismus in Filmbranche und Gesellschaft.

Barley betonte, es gelte die Unschuldsvermutung. Aber es sei eigenartig, dass so wenige von den vielen Weggefährten aus der Branche Stellung beziehen. "Das erweckt den Eindruck eines Schweigekartells. Ich erwarte hier gerade von den beteiligten öffentlich-rechtlichen Institutionen rückhaltlose Aufklärung", sagte die Politikerin.

Der Filmproduzent Nico Hofmann (58) hat nach eigenen Angaben zwar nie mit Wedel gearbeitet, kennt ihn aber seit vielen Jahren. Auch er sieht das Schweigen in der Branche kritisch. "Wenn alles, was aktenkundig ist, geschehen ist, hätte niemand schweigen dürfen", schreibt Hofmann in der "Bild"-Zeitung am Dienstag.

Die Schwere der Vorwürfe habe ihn überrascht, erklärte Hofmann. "Es wusste jeder, dass bei Dieter Wedel ein rauer Ton am Set herrschte, aber von sexuellen Übergriffen - oder sogar Vergewaltigungen - war mir nichts bekannt", so der Chef der Filmproduktionsfirma Ufa ("Unsere Mütter, unsere Väter", "Der Tunnel").

Nach Ansicht Hofmanns hätte es nicht passieren dürfen, dass sich Schauspieler oder Team-Mitglieder, die angeblich alles gewusst hätten, erst jetzt zu Wort meldeten. Wedel habe trotz allem "ein einzigartiges Werk vollbracht" und werde ein Teil deutscher Fernsehgeschichte bleiben, so Hofmann. "Man sollte seine Filme nicht verbieten, jetzt aber einer neuen Betrachtung unterziehen." Sie würden neu für sich und über ihn sprechen. Wedel müsse sich die Frage gefallen lassen, ob er für seinen Erfolg Menschen gebrochen habe.

Die Oscar-Preisträgerin Kate Winslet (42, "Der Vorleser") betonte die Notwendigkeit, in der #MeToo-Debatte das Schweigen zu brechen. Sie äußerte Bedauern über ihre Zusammenarbeit mit bestimmten "Regisseuren, Produzenten und mächtigen Männern", denen Missbrauch vorgeworfen wird, sagte Winslet nach übereinstimmenden Medienberichten am Sonntag bei der Verleihung der "London Critics' Circle Film Awards" in der britischen Hauptstadt.

"Mir ist klar geworden, dass mein Schweigen die Angst vieler mutiger Frauen und Männer vergrößern könnte. Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen", meinte Winslet. Die weltweiten Demonstrationen gegen Missbrauch und für gleiche Rechte von Männern und Frauen hätten sie dazu gebracht, ebenfalls ihre Stimme zu erheben. 

Die Britin hatte in der Vergangenheit unter anderem mit dem US-Produzenten Harvey Weinstein zusammengearbeitet, gegen den zahlreiche Frauen schwere Vorwürfe erheben. Auch für ihr Mitwirken am neuen Film von Regisseur Woody Allen stand Winslet in der Kritik. Allens Adoptivtochter Dylan Farrow wirft ihm vor, sie als Siebenjährige missbraucht zu haben.

Video: Glomex

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld

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